Kultur : Drei Fäuste für ein Halleluja

KATRIN HILLGRUBER

Bertolt Brecht, bekanntlich ein Freund des Boxsports, hätte an dieser "Kulturkonferenz" - schräg unterhalb seiner letzten Wohnung in der Berliner Chausseestraße - seine Freude gehabt.Vor allem am letzten Abend."Westberliner Galerist prügelt sich mit russischem Avantgardekünstler" wäre eine schöne Schlagzeile gewesen.Drei Fäuste für ein Halleluja: Die provokative Kurzkeilerei, eingeleitet von den Störversuchen eines tätowierten Zwischenrufers, eignete sich trefflich, die völlige Hilf- und Konzeptlosigkeit ästhetischen Widerstands in diesen satten Zeiten darzulegen.

Bert Papenfuß, Initiator und Moderator des "Was Tun?"-Kongresses, zeigte sich von Leninscher Revolutionstaktik entfernter denn je und suchte Rettung beim Diaprojektor, während der Galerist Klaus Teuerkauf alias Chicken seinen Auftritt als Aggressor genoß und der angegriffene Alexander Brener nur noch sagte, er hasse dieses Publikum - ob man trotzdem weiter machen wolle? So recht wollte niemand mehr.In den Vortrag über Techniken des Widerstands war plötzlich die - wenn auch inszenierte - Wirklichkeit eingebrochen.

Der Anspruch dieser Kulturkonferenz war recht stolz und gewaltig: "Das agonistische Reagieren und das antagonistische Agieren (oder umgekehrt) in der primivistischen Stammeskultur der Literaturlandschaft Berlin".Der erkrankte Enno Stahl hatte einen Vortrag geschickt, in dem er "Avantgarde" aus heutiger Sicht als warenästhetischen Begriff definierte.Auch "Performance" sei von der Kunst zur Konsumwelt übergegangen und bedeute mittlerweile technische Leistung.Alles sei Ware, selbst die Verweigerung müsse als Marketingstrategie interpretiert werden, meinte Stahl.Als Beispiele der Werbungsabstinenz nannte er die seit 1998 entzweiten Berliner Literaturzeitschriften "Sklaven" und "Sklaven Aufstand" sowie eine süddeutsche Zahnpasta.

Annett Gröschner und Wolfram Kempe vertraten am ersten Abend die Redaktion des "Sklaven Aufstand", der auch Bert Papenfuß angehört.Sie trafen auf "Salbader", Komiker vom Dienst, deren schlankes gelbes Heft für "Belehrung und Erbauung" immerhin auf eine Auflage von 3000 Stück verweisen kann."Eine Sache, die man uns mehrmals erzehlet, wird ein Salbader genennet" wurde im Jahr 1653 das Wort Salbader erläutert.Daran hat sich bis heute wenig geändert, sieht man sich vor allem die Lyrik im Heft an, die sich, so sagt der Verseschmied Jürgen Witte, immer reimen muß.Bevorzugte Sujets sind Paddelboote und Baumärkte.

Witte und sein Redaktionskollege Andreas Scheffler wurden rasch als "zugezogene Wessis" enttarnt und hatten somit gegen Anspruch und Gedankenschwere von "Sklaven Aufstand" keine Chance.Der Osten besitzt einfach das angestammte Recht auf den Blues, St.Louis liegt an der Saale.Die Zeitschrift fühlt sich dem Geist des Expressionisten Franz Jung ("Der tolle Nikolaus") und einer seit Anfang der dreißiger Jahre verschütteten Feuilleton-Tradition verpflichtet.Außerdem zeichnet sie sich durch einen höchst individuellen Blick auf die Geschichte der verloschenen DDR aus."Mein Achtundsechzig" heißt eine Reihe.Hier sind "Hineingeborene" wie Annett Gröschner am Werk, deren Hörfunkfeatures, zum Beispiel über die Möglichkeiten privater Eiscrèmeproduktion in der DDR, sich dem verborgenen Alltag bewahrend nähern.Der Kontrast zu den entschlossen fröhlichen Mannen von "Salbader" hätte nicht größer sein können.Man beschränkte sich bald auf eine Unterhaltung über das Zeitschriftenmachen als Handwerk und finanzielles Wagnis.

Bezeichnenderweise stammte auch die zweite "unernste" Zeitschrift aus dem Westen.Selbstverlag ist in diesem Fall Ehrensache.Der "Störer" zerhackt den harten Braunschweiger (mittlerweile Berliner) Underground in Social Beats.Jörg André Dahlmeyer und Jaromir Konecny machten dem Namen ihrer Publikation Ehre.Auf ein Gespräch über "Vernetzungsstrategien und Abgrenzungsmöglichkeiten", wie es Papenfuß angeregt hatte, wollten sie sich mit der distinguierten, die Aura des Redaktionsortes Peter-Huchel-Haus verströmenden Literaturzeitschrift "moosbrand" nicht einlassen.Deren Herausgeber Birgit Dahlke und Lutz Seiler, als Germanisten eindeutig nicht die Phänotypen dieser Stunde, stellten sich tapfer."Nichts gegen euch, ihr seid ja ganz nett", meinten die Berufswilden der selbsternannten "außerliterarischen Opposition".

Schließlich entstand eine Diskussion über biographisches Schreiben, angeregt durch Lutz Seilers Gedicht auf seinen Jahrgang, 1963: "Wir hatten Gagarin, aber Gagarin hatte auch uns." Seine Lyrik sei westlichen Kritikern oft zu schwarz, bekannte er.Birgit Dahlke brachte dem "Störer" kaum Neugier entgegen.Vorauseilend selbstkritisch sah sie darin eine "bürgerliche Haltung".Das von den Veranstaltern gewünschte Gegeneinander funktionierte einfach nicht.Was da nicht funktionierte, das lohnte sich mitzuverfolgen.

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