Kultur : Drei neue Seefahrerbücher: Abenteuer mal drei: Einladung zur Expedition

Rolf Brockschmidt

Christopher Kolumbus, James Cook und Klaus Störtebecker, Robert Falcon Scott, Roald Amundsen und Ernest Henry Shackleton: Das sind Namen, die noch heute für die größten Abenteuer der Seefahrt stehen. Ob sie nun Entdecker im Auftrag der Krone waren oder Piraten oder - wie die letzten drei - Leiter großer Südpolexpeditionen: Ihre Reiselust war immer groß genug, um Familie und Heimat für ein Abenteuer zu verlassen. Das ist auch heute noch der Stoff, aus dem die Träume vieler Jugendlicher sind. So wundert es nicht, dass Reiseberichte in Romanform, in denen die Wahrheit mittels Dichtung spannend aufbereitet wird, ununterbrochen Hochkonjunktur haben.

Von Jürgen Seidel erschien vor zehn Jahren bei Kiepenheuer & Witsch "Der geträumte Kontinent. Die erste Weltumseglung des James Cook". In "Young Nick und die Verschwörung auf der Endeavour" geht es um die gleiche Abenteuerfahrt, diesmal aus Sicht des Schiffsjungen Nicholas Young. Seidel erzählt von den Ängsten des Jungen, der Gefahr, die ihm von der zusammengepferchten Mannschaft droht, von Freundschaft, Hass und Missbrauch. Ein Buch, das in manchen Passagen nicht unbedingt für Zwölfjährige geeignet ist, auch wenn der Verlag es für diese Altersklasse empfiehlt. Aber es ist ein Buch, das vor allem Jungs mit Begeisterung lesen werden. Konsequent beibehalten hat der Autor die Perspektive von Nick, der an Bord zu einem jungen Mann heranwächst und nach der Reise dem reichen Vergewaltiger seiner Schwester entschieden entgegentritt.

Auch Christa-Maria Zimmermann erzählt aus der Sicht des jüngsten Mannschaftsmitglieds: Der 16-jährige Peter Blackborrow schmuggelt sich in Buenos Aires an Bord der Endurance, die auf Südpolexpedition unterwegs ist und schon vor Erreichen des arktischen Festlandes im Packeis eingeschlossen wird. Nach seiner Entdeckung wird er zum Schiffsjungen befördert. Wie Nicholas Young ist Peter Blackborrow eine authentische historische Figur, und so, wie Seidel die Aufzeichnungen über die Fahrt der Endeavour als Grundlage nimmt, greift auch Zimmermann auf die Erinnerungen der Expeditionsteilnehmer zurück, um unter Einbeziehung der historischen Fakten eine spannende Abenteuergeschichte zu erzählen. Und die Geschichte einer Veränderung: Während der Junge zu Beginn der Reise noch sein Leben riskiert, um einen Welpen zu retten, diskutiert er in Zeiten des größten Hungers ohne tiefere Gefühlsregung über die Qualität von Hundefleisch.

Während Seidel jedoch die internen Querelen in den Vordergrund stellt, geht es bei Zimmermann eher um die Bewältigung der von außen drohenden Gefahren. Die Teilnehmer der Expedition scheinen viel mehr an einem Strang zu ziehen als die Mannschaft auf der Endeavour. Das dürfte der historischen Wahrheit in etwa entsprechen. Denn schließlich wurden die Schiffsmannschaften im 17. Jahrhundert nicht nur aus Freiwilligen rekrutiert, während die Arktis-Expeditionen von Profis durchgeführt wurden.

Der frühere "Spiegel"-Mitarbeiter Jürgen Bruhn geht an seinen ebenfalls auf historischen Tatsachen basierenden "Störtebecker"-Roman anders heran: Er hat ausführlich recherchiert und erzählt daher auch nicht in der Ichform, sondern als Beobachter von Störtebeckers Kaperfahrten. Das Ergebnis ist ein eher distanzierter, aber dennoch packender Bericht über eine Zeit, in der die "Pfeffersäcke" der Hanse ihre Macht zunächst für und dann vehement gegen die kapernden Vitalienbrüder ausspielten. Dabei bleibt neben der Darstellung der zeitgenössischen Lebensumstände auch Platz für die sozialkritischen Ideen Störtebeckers, der mit seinen Männern eine neue, privilegienfreie Gesellschaftform ausprobieren wollte. Und so ist "Störtebecker" auch eine Geschichte über die Hoffnung auf ein anderes Leben: der utopische Entwurf einer freien und gleichen Gesellschaft.

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