Dresdner Frauenkirche : Höhere Gewalt

Auf CD erhältlich: Georg Friedrich Händels letztes Oratorium "Jephtha" von 1751 - aufgenommen mit dem Dresdener Barckorchester und einem Kammerchor in der Frauenkirche.

Udo Badelt

In Dresden hat man im Gegensatz zu Berlin nicht lange gefackelt und den Wiederaufbau der Frauenkirche gleich nach der Wende in die Wege geleitet. Doch wie beim hauptstädtischen Schloss lässt auch in Dresden die Rekonstruktion nur eine Hülle neu erstehen. Entscheidend ist die Frage, wie die neuen alten Mauern genutzt werden.

Eine eigene Gemeinde hat die Frauenkirche nicht, eine Stiftung sorgt dafür, dass hier kirchliches Leben stattfindet. Da bietet sich Musik hervorragend als Möglichkeit an, dem Gotteshaus eine eigene Identität zu verleihen. Allein für 2009 sind 120 Klassikveranstaltungen geplant. Außerdem produziert die Stiftung Frauenkirche Dresden in Zusammenarbeit mit dem Stuttgarter Pharus-Verlag seit einigen Jahren CDs mit barocker Musik, die in dem Gebäude eingespielt wurden.

Der 35-jährige Kantor Matthias Grünert ist für alle kirchenmusikalischen Veranstaltungen in der Frauenkirche verantwortlich. Mit dem Dresdener Barockorchester und einem von ihm 2005 gegründeten Kammerchor hat er jetzt Georg Friedrich Händels letztes Oratorium "Jephtha" von 1751 aufgenommen. Es ist die Vertonung einer Erzählung aus dem Alten Testament (Buch der Richter, Kapitel 11, Vers 29-40). Die Geschichte ist aus "Idomeneo" oder "Iphigenie auf Tauris" vertraut: Der Feldherr Jephtha führt das Volk Israel zum Sieg über die Ammoniter. Vorher aber hat er gelobt, im Falle seines Sieges zu opfern, was immer ihm nach seiner Rückkehr als Erstes begegnen sollte. Es ist seine Tochter Iphis. Und wie bei Mozart oder Gluck erscheint im letzten Moment eine höhere Gewalt, die zumindest das Kind rettet.

Acht Jahre vor seinem Tod fand Händel in "Jephtha" zu einem unmittelbaren, alle virtuosen Verzierungen hinter sich lassenden Stil und einer neuen Tiefe des Ausdrucks. Am Ende des zweiten Aktes wird in "Deeper and deeper still" Jeph thas Verzweiflung mit einer Abfolge stiller Momente und schockierender Streicherrepetitionen hörbar. Der nachfolgende Chor errichtet in "How dark, O Lord" auf einem einfachen synkopierten Grundrhythmus ein fantastisches Klanggebäude aus Klagen.

Markus Schäfer vermag als Jephtha mit seinem dünnen Tenor nicht recht zu überzeugen. Dafür schwingen sich die beiden Soprane, Miriam Meyer als Iphis und vor allem Birte Kulawik als Engel, samtgleich und ohne Mühen in höhere Sphären. Die scheinen sich auch bei dem trockenen Nachhall aufzutun, der unter der Kuppel der Frauenkirche fast unvermeidlich ist. Dieser stört aber nie, sondern wirkt - vor allem am Ende der Chorszenen - eher wie ein lebendiger Kommentar: als sei da eben jene himmlische Institution präsent, von der im Oratorium ständig die Rede ist.

Händel: Jephtha. Oratorium in drei Akten, Carus-Verlag 2008

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