Kultur : Drogen im Film: Mein Joint steht mir gut

Ralph Geisenhanslüke

Tom Cruise und Nicole Kidman taten es letztes Jahr, Christiane Paul und Moritz Bleibtreu taten es "Im Juli". Und jetzt auch Michael Douglas. Seit Donnerstag kann das deutsche Publikum besichtigen, wie der Schauspieler eine Image-Wende einleitet: Douglas spielt einen Schriftsteller und reichlich zerstreuten Professor für Literatur, der einem populären Hobby nachgeht: Er kifft. Und zwar nicht nur einmal wie das kernseifensaubere Paar Kidman/Cruise in "Eyes Wide Shut", das mit einem Spliff die Türen zu den dunklen Seiten der Seele öffnet; für den "Wonder Boy" Grady Tripp ist die tägliche Tüte so selbstverständlich, dass er kaum noch auf die Idee kommt, sie mit jemandem zu teilen. Während in Deutschland alle von Koks reden, wird auf der Leinwand eingefahren, dass die Bronchien krachen.

Nicht nur der dauerbedröhnte Nachwuchs in "Scary Movie" (2,6 Millionen Besucher in vier Wochen) raucht alles, was turnt. Auch die reiferen Jahrgänge finden: Mein Joint steht mir gut. Brenda Blethyn etwa, gewiss kein Party-Girl. Sie wurde durch Filme wie "Girls Night" oder Mike Leighs "Lügen und Geheimnisse" zum Inbegriff patenter britischer Weiblichkeit. In Nigel Coles Komödie "Grasgeflüster" (knapp 600 000 Zuschauer) spielt sie eine Witwe, die sich aus der ruinösen Hinterlassenschaft ihres Verblichenen durch Zucht von Hanf zu retten trachtet. Da drückt sogar die lokale Ordnungsmacht ein Auge zu.

Oder "American Beauty": Das neurotische Ehegespons Carolyn Burnham (Anette Bening) rastet aus, als ihr Mann seinen Job hinschmeißt, die alten Rock-Scheiben rausholt und sich vom Nachbar-Jungen mit Dope versorgen lässt. Ein feines Beispiel sei er für die 16-jährige Tochter, sagt sie. Das Publikum weltweit liebt ihn dafür, dass er daraufhin den Spargelteller an die Welt knallt.

Die etwas stärker gewürzten Zigaretten stehen noch immer für Rebellion und Sex, für Ausbruch aus den Zwängen des bürgerlichen Lebens. Während die Medien uns gerade volkshochschulmäßig erklärt haben, das Kokain die Droge des Turbokapitalismus sei, gibt es auf der Leinwand einen Flashback für das gute alte Kraut der Leistungsverweigerer. Es handelt sich dabei nicht in nur um einen modischen Reflex. Das Kino reflektiert eine kulturelle Veränderung.

Nach einer kürzlich veröffentlichten Studie der EU-Drogenbeobachtungsstelle in Lissabon haben mindestens 40 Prozent der 18-jährigen Europäer schon einmal einen Joint geraucht - und dabei auch inhaliert. Cannabis ist damit, nach Alkohol, die beliebteste Droge in der EU - und die Nummer eins unter den illegalen Rauschmitteln. Denn entgegen der weit verbreiteten Annahme sind Haschisch und Marihuana auch in den Niederlanden nicht legal. Sie werden toleriert. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts gehört Cannabis zu den bevorzugten Stimulantien der europäischen Bohème. Bevor die 68er auf den Dreh kamen und Kiffen zum Volkssport wurde, waren es vor allem Künstler, Dichter und Musiker - ohne Gras kein Jazz ohne Hanf kein HipHop. Die Beatles zogen 1964 auf der Toilette des Buckingham Palastes einen durch, bevor sie von der Queen den Orden des britischen Empire entgegen nahmen.

Der britische Justizminister Lord Irvine klärte letztes Jahr die Richter seines Landes darüber auf, dass der Konsum von "ganja" bei den aus Jamaika stammenden Rastafaris eine religiöse Tradition, eine Art "Sakrament" darstelle. Interessante Feststellung - und nebenbei ein Muster an Toleranz und politischer Korrektheit. Mit dem gleichen Recht könnte man in den meisten westlichen Ländern behaupten, Hasch sei Teil des kulturellen Mainstreams. Denn die Werte der Hippies sind heute fest etabliert. So wie die Alt-Revoluzzer in den Regierungen angekommen sind, haben sich auch ihre Freizeitgewohnheiten im gesellschaftlichen Mittelfeld festgesetzt. Heute engagieren sich sogar die Jungen Liberalen für die Legalisierung von Haschisch und Marihuana. Wer den Landesverband Schleswig-Holstein im Internet finden will, sollte unter www.bekifft-ficken.de nachschauen.

Auch im Sport wird das "Sakrament" gern empfangen. In Frankreich wurde vor fünf Jahren in 85 Dopingproben THC nachgewiesen. Besonders Fußballprofis neigten dort zu exzessivem Freizeitverhalten. Bei der diesjährigen EM wurde dem Publikum in Holland der Alkoholkonsum massiv erschwert. Die Coffee-Shops verkauften wie gewohnt: mit einer Auswahl, die Weinhandlungen vergleichbar ist. Und natürlich kann man einfach per EC-Karte zahlen.

Was ist aus den deutschen Reformbestrebungen geworden? Im Frühjahr 1994 erregte der Lübecker Richter Wolfgang Nescovic mit liberalen Haschisch-Urteilen bundesweit Aufsehen. Er folgte der Maxime: "Der Rausch gehört, wie Essen, Trinken und Sex, zu den fundamentalen Bedürfnissen des Menschen." Diese Ansicht fand breite Zustimmung in der Bevölkerung. "Hasch fürs Volk" titelte "Der Spiegel" und einer seiner Reporter ließ sich gleich mit einer unterarmlangen Tüte ablichten. Es folgte ein Sommer der Euphorie. In Parks, in Kneipen - überall wurde öffentlich gebröselt. Das Bundesverfassungsgericht bestritt bald darauf das "Recht auf Rausch", empfahl zugleich aber Toleranz gegenüber den Konsumenten. Seitdem ist es Sache der Länder zu entscheiden, wie viel jemand straffrei in der Tasche haben darf.

Sicher ein großer Fortschritt im Vergleich zu den von "Hasch-Terroristen" traumatisierten siebziger Jahren, als Menschen wegen Zehntel-Gramm-Spuren in der Kleidung verurteilt wurden. Aber die Konzeptionslosigkeit ist seitdem das einzige durchgängige Erkennungszeichen deutscher Drogenpolitik. Ihre Hauptinstrumente bleiben Tabus und Verbote. Was in Berlin zum Alltag gehört, führt in Thüringen in den Knast. Kein Wunder, dass in Deutschland beim Thema Drogen die Haarspalterei beginnt. Mittlerweile dürfen Arbeitgebervertreter davon träumen, bei Neueinstellungen demnächst ein Drogenscreening zu verlangen. Eine solche Sehnsucht nach letztinstanzlich gültiger Klärung, nach Durchleuchtung und Überwachung - das ist Ausdruck eines gesamtgesellschaftlichen Waschzwangs.

Doch am Ende bleibt viel Medien-Rauch um Nichts. Denn die Leute lassen sich durch Drohungen kaum abhalten. Was kickt, muss rein. Das war schon immer so. Und am Ende bleibt es jedem selbst überlassen, seine Grenzen zu erkennen. Denn die hat auch der vermeintlich harmlose Spaß mit Gras. Schafft jemand das nicht, braucht er keine Strafe, sondern Hilfe.

Der heitere Dusel, den die alten Damen in "Grasgeflüster" erleben, mag noch therapeutisch wertvoll sein. Moritz Bleibtreu wächst als biederer Referendar über sich selbst hinaus. Aber der von Michael Douglas gespielte Schriftsteller kriegt die Kurve nur ziemlich knapp. Einst war er Wunderknabe, sein erster Roman ein Bestseller. Doch beim chronischen Konsum von THC treten die belebenden und euphorisierenden Zustände in den Hintergrund. Das Urteilsvermögen schwindet, zurück bleibt ein stumpfer, ausgehöhlter Kopf. Eine Haarprobe von Professor Grady Tripp würde vermutlich gute Rauchware abgeben. Mögen auch literarische Vorbilder wie Balzac und Hugo mit ihrem Pariser "Club des Haschaschins" zur Legende geworden sein. Bei Grady Tripp versaut das Dope die Schreibe.

Während der gut abgehangene Sound des späten Bob Dylan durch die Bilder wabert, findet Tripp - als Stellvertreter für eine Generation - den Ausweg aus seinem Tief: Das Gras verschenken , zum Friseur gehen, Laptop kaufen. Willkommen in der Gegenwart, lieber Alt-Freak. Die Pubertät mit grauen Haaren abzuschließen ist vielleicht ein bisschen spät. Aber besser spät, als nie.

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