Kultur : Du Bastard, Dad! Frauengeschichten aus einem US-Hochsicherheitsgefängnis

Julia Ziegler

Barbara hat ihren Ehemann erschossen. Zu oft hatte er sie betrogen geschlagen und bedroht, und irgendwann hat sie durchgedreht. Auch die 28-jährige Brenda sitzt wegen Mord im Gefängnis, ein Vierteljahrhundert Haft muss sie verbüßen. Mit ihrer Gang hat sie eine Frau erst verprügelt, dann erstochen. Nancy, 35, wurde wegen ihrer Luxusreisen und Einkaufstouren verhaftet, die sie mit gestohlenen Kreditkarten unternahm. Alle drei Frauen sitzen im Hochsicherheitsgefängnis York im amerikanischen Bundesstaat Connecticut, und alle drei haben einen Schreibkurs des „Creative Writing“-Professors und Bestseller-Autors Wally Lamb („Früh am Morgen beginnt die Nacht“, „Die Musik der Wale") besucht. Nun hat Lamb ihre Geschichten und die von sechs weiblichen Mithäftlingen unter dem Titel „Von der Seele geschrieben“ veröffentlicht.

Vier Jahre hat Lamb mit den Frauen verbracht, jeden zweiten Donnerstag fand sein Kurs „Kreatives Schreiben“ statt. Die Taten der Frauen sind von beängstigender Grausamkeit. Aber wenn man ihre Geschichten liest, beginnt man zu verstehen, wie es dazu kam. Der Leser taucht ein in den Gefängnisalltag, in zerstörte Familienverhältnisse und ein Leben voller Vorwürfe und Selbsthass. Und trotzdem werden ihre Taten nicht verklärt. Meisterhaft hat Wally Lamb in diesem Buch die Gefahr der Rührseligkeit umgangen.

„Du Bastard, Dad“, schreibt zum Beispiel die inzwischen verstorbene Diane. „Ich wünschte, ich hätte eine Hutnadel mitgebracht, um dich damit zu stechen – und festzustellen, dass du auch wirklich richtig tot bist. Dann werde ich wissen, dass du uns nicht mehr wehtun kannst, Dad. Dann werde ich wissen, dass ich in Sicherheit bin.“

Als Kind lauerte sie im Auftrag ihrer Mutter mit dem Jagdgewehr hinter dem Fenster, um zu verhindern, dass der Vater in die Wohnung kam. Ihn hat sie nicht umgebracht, dafür später ihren Ehemann, der sie wie der Vater missbraucht und geschlagen hat.

Schräge, wilde, dramatische und spannende Geschichten haben die neun Frauen aufgeschrieben, in denen auch Humor und überschäumende Lebenslust immer wieder durchschimmern. Wenn Nancy, die gelangweilte Teilzeitsekretärin, die fünf Jahre beschreibt, in denen sie mit den Kreditkarten anderer Leute durch die Welt flog und „wie ein Rockstar“ lebte, kann man sich das Lachen nicht verkneifen. Sie hat das Leben als „Susie Stechuhr“, wie sie sich nannte, einfach nicht ertragen.

Wally Lamb und die Frauen des Hochsicherheitsgefängnissses York: Von der Seele geschrieben. Aus dem Amerikanischen von Bettina Münch. List Verlag, München 2003. 336 Seiten, 22 €.

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