Kultur : Dunkle Klangfeier

KLASSIK

Ulrich Amling

Ein Leuchten lag auf den Gesichtern der Mitglieder der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen . Soeben war die Mannschaft ihres Basislagers deutscher Fußballmeister geworden, und jetzt saßen die Musiker in einem prall gefüllten Kammermusiksaal und spielten für die gute Sache. Das Benefizkonzert der Ärzte zur Verhinderung des Atomkriegs erinnerte an den 18. Jahrestag der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl – und an die, die in dem für Jahrhunderte verstrahlten Gebiet heute am meisten leiden: Die Kinder von Tschernobyl wachsen mit Anämien und Immunschwäche auf und sind besonders anfällig für schwerste Erkrankungen. Der Reichtum der Musik sollte denen helfen, die unter den barbarischen Konsequenzen der Moderne zu leiden haben. Eine Gleichung, die beinahe zu glatt aufgeht, wenn es gelingt, so herausragende Künstler wie die Deutsche Kammerphilharmonie unter Gérard Korsten und die Geigerin Viktoria Mullova zu gewinnen.

Am stärksten schien die Verletzlichkeit der Schönheit, das Gefährdete der Kultur, in Prokofieffs zweitem Violinkonzert durch. Mullovas wunderbar kerniger Ton fand sich immer wieder eingeschlossen vom Treiben dunkler Motorik. In diesem furiosen Wechselbad fand die Russin zu einer bewegenden, abgründigen Virtuosität. Dagegen wirkten Strawinskys Danses Concertantes nur wie ein freundliches Intermezzo, und auch Mozarts Jupiter-Sinfonie blieben elementare Erschütterungen fern. Trotz befeuernder Gesten des Sandor-Végh-Schülers Korsten ruhte dieser Koloss unantastbar in sich. Und blieb unseren Fragen fern.

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