Kultur : Durch diese schmale Gasse

Generäle, die den Frieden befehlen konnten, und Bushs strategischer Fehler: zwei Hypothesen zum Krieg in Nahost

Moshe Zimmermann

Lasst Zahal siegen! So lautete immer wieder die Parole des israelischen rechten Flügels: Die Armee möge siegreich sein. Als wäre einzig und allein die von der politischen Führung aufoktroyierte Zurückhaltung in der Beziehung zu den Palästinensern oder zu den Schiiten im Libanon der Grund aller israelischen Miseren. Und als wäre der Militärschlag der ideale Befreiungsschlag für die sich in der Sackgasse befindende israelische und internationale Nahostpolitik.

Solange Israel von Generälen a.D. regiert wurde, gleich ob von Itzhak Rabin (1992 – 1995), von Ehud Barak (1999 – 2001) oder von Ariel Scharon (2001 – 2006), reichte ihre Autorität in der Regel aus, um dem Verlangen nach groß angelegten Militäroperationen nicht nachzugeben. Regierungschef Scharon, damals Verteidigungsminister, hat seinen Fehler von 1982 nicht wiederholt: den Versuch, mit einer groß angelegten Operation eine pax israeliana im Libanon zu erzwingen. Barak konnte den Rückzug aus Südlibanon befehlen. Und Rabin wagte es seinerzeit sogar, die PLO anzuerkennen und mit Arafat das Autonomieabkommen zu unterzeichnen. Jetzt sind andere Männer an der Macht. Premierminister Ehud Olmert und sein Verteidigungsminister Amir Perez sind einfache Zivilisten und keine Generäle a.D. Eben deshalb lassen sie sich in diesen schwierigen Zeiten eher von dem Ruf „Lasst Zahal siegen!“ beeindrucken. Sie geben dem Druck von Seiten des Militärs und des rechten Flügels schneller nach.

Es mag seltsam klingen, wenn sogar israelische Linke die hypothetische Frage stellen, wie es denn wäre, wenn jetzt Scharon über adäquates Handeln in Sachen Libanon oder Gaza, das heißt Hisbollah und Hamas, zu entscheiden hätte, eben der Mann, der in der kollektiven Erinnerung mit Sabra und Shatila (1982) wie auch mit Djenin (2002) in Verbindung gebracht wird. Selbstverständlich lässt sich da nur spekulieren, aber eines ist klar. Anders als Olmert und Perez hätte er es nicht nötig, den Israelis oder der arabischen Welt zu beweisen, dass er ein Mann der Härte ist. Gleichzeitig ist anzunehmen, dass beide, Hamas und Hisbollah, sich ihre Taktik etwas anders überlegt hätten, wenn Scharon noch im Amt wäre. Auch Organisationen, die vom Terror leben, handeln halbwegs rational.

Von solchen Hypothesen einmal abgesehen, war es nicht allein Sache der israelischen Regierung, über die Art des Vorgehens zu entscheiden. Hamas und Hisbollah orchestrierten ihren „Befreiungsschlag“ und hatten beide zum Ziel, Israel zu provozieren. Hamas suchte den Weg aus der Belagerung, aus der Sackgasse, in die sie sich mit der Nichtanerkennung des Existenzrechts Israels hineinmanövriert hat. Und die Hisbollah wollte ihre Leute aus den israelischen Gefängnissen befreien und zusätzlich wahrscheinlich der iranischen Politik einen Dienst erweisen. Diese Provokationen dienten wiederum dem israelischen Militär und den Befürwortern des „Lasst Zahal siegen!“ als Anlass für die lang ersehnte „Flurbereinigung“. Endlich sollte dem Abschuss der Kassam-Raketen auf israelische Städte nördlich des Gazastreifens und dem Aufhäufen des imposanten Waffenarsenals der Hisbollah ein Ende gesetzt werden.

Da Hamas und Hisbollah mit Israels Reaktion rechnen konnten, haben sie auf eine Art agiert, die für die Israelis besonders schmerzhaft ist. Mit Raketen wollen sie die zivile Bevölkerung treffen, sie wollen Unruhe und Wut stiften und Israel auf diese Weise zu einer immer brutaleren Reaktion verleiten. Selbstverständlich kann die Hisbollah mit Katjuschas weit größere Schäden anrichten als Hamas mit den primitiven Kassam-Raketen. Beide Organisationen rechneten mit einer israelischen Reaktion, die unter anderem dazu führen sollte, dass in den Medien eine antiisraelische Stimmung geschürt wird.

Wenn also am Ende Israel sein erklärtes Ziel nicht erreichen sollte, wenn es ihm nicht gelingt, den Abschuss der Raketen auf israelische Städte zu stoppen und die entführten Soldaten ohne Gefangenenaustausch freizubekommen, werden Hamas und Hisbollah als Sieger aus dem Kampf hervorgehen. Zumindest in den Augen der palästinensischen, der libanesischen und auch der iranischen Bevölkerung – egal, wie hoch ihre Verluste sind. Dann wird man in Israel die Frage riskieren, ob es wirklich richtig war, auf den Sieg des Militärs zu setzen.

Viele Europäer können die heftige israelische Reaktion nicht verstehen. Nicht nur, weil der Krieg für Europa ohnehin keine Option ist – die Erfahrung im Balkan in den neunziger Jahren hat diese Haltung bekräftigt. Sondern weil man die Wut und die Ratlosigkeit der Israelis, die durch die Raketen so brachial aus der so genannten Spaßgesellschaft hinauskatapultiert wurden, nicht nachempfinden kann. Israel reagiert etwa so wie Zinedine Zidane im WM-Endspiel am 9. Juli: voller Zorn und ohne Rücksicht auf Verluste. Dafür bekommt man die rote Karte – und hat gleichwohl die Sympathien der Sportsfreunde.

Das alles hätte in Zeiten des Kalten Kriegs nicht geschehen können. Nun aber, nach dem 11. September 2001, kämpfen nicht mehr Kommunisten gegen Kapitalisten, sondern Islamisten gegen Ketzer. Nun unterstützt Amerika Israel im Kampf der Kulturen und geht im Kampf gegen den Terror mit ihm durch dick und dünn. Nun kann man sich hinter dem diplomatischen Schutzschild Amerikas für die Taktik „Lasst Zahal siegen!“ sogar viel Zeit nehmen. Bush und seine Regierung kommen von ihrem simplen Weltbild nicht ab: Der Kampf gegen den Terror muss fortgeführt werden, und da Israel muslimische, fundamentalistische Terroristen bekämpft, die ja Al Qaida nahe stehen, wird ihm freie Bahn gewährt – solange die öffentliche Meinung in den USA nicht umschlägt.

Hier stellt sich die nächste hypothetische Frage: Was wäre, wenn es den Irak- Krieg nicht gegeben hätte? Zum einen hätte Iran bis heute mit dem Irak alle Hände voll zu tun; Irans jetzige Unterstützung für die Hisbollah und für Hamas fiele womöglich geringer aus. Zum anderen wäre die Angst (in Iran wie in Syrien) vor einem amerikanischen Militärschlag weit größer, mit der Folge, dass die Bedrohung Israels durch Hamas und Hisbollah weniger beträchtlich ausfiele. Bushs strategischer Fehler von 2003 hat zumindest teilweise eine Dynamik in Gang gesetzt, die Israels Position verschlechterte.

Zugegeben: Wenn Israel gegenüber den Palästinensern (und seit 2004 vor allem gegenüber Mahmud Abbas) eine wohlwollendere Haltung eingenommen hätte, wäre die Hamas-Bewegung womöglich weniger erstarkt. Ohne den Fehler der USA hätte es außerdem die Chance gegeben, dass mehr Palästinenser und Araber den Rückzug Israels aus Südlibanon und Gaza ernst nehmen, als Signal für Israels Kompromissbereitschaft. Und die schmale Gasse zum Frieden wäre vielleicht nicht zur Sackgasse geworden.

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