Kultur : Durchatmen, weitersingen

Pop-Erlöser mit Panik-Attacken: England feiert den Sänger Jamie T

Christian Schröder

Nichts als Gerede. Der Typ quatscht los, als stünde man mit ihm am Tresen einer überfüllten Kneipe: „If you’ve got the money, I think it would be funny / To take your girl, spend a bit of cash for me.“ Wär’ doch lustig, wenn der Bursche mit deiner Freundin ausgehen würde. Sie könnten eine Menge Spaß haben, allerdings müsstest du zahlen. Dann setzt der Bass ein, das Schlagzeug gibt einen Ska-Rhythmus vor. Und der Typ hört einfach nicht auf zu quatschen. Von den Nächten erzählt er, die er damit zubringt, nach Liebe zu suchen. Von der Euphorie um 11 und der Depression um 3 Uhr früh, vom Betrunkensein als Dauerzustand und von der Mutter, die immer noch jeden Tag darauf wartet, dass ihr Sohn zum Mittagessen nach Hause kommt. Das Schlagzeug wird lauter, der Typ stammelt und stottert. Spaß will er haben, alles, was ihm dafür fehlt, ist: „Money, money, money.“

„If You Got The Money“ heißt der Song, der in England zum Überraschungshit des Winters aufstieg. Eigentlich ist er ein vier Minuten langer Redeschwall, der Sänger und Bassist Jamie T bringt in einem einzigen Stück so viel Text unter wie manche Band auf einem ganzen Album. Jamie T ist alles andere als ein virtuoser Musiker, aber er strahlt etwas aus, das wichtiger ist als technische Perfektion: Energie und Selbstbewusstsein. Die zwölf Songs, die sein gerade erschienenes Debütalbum „Panic Prevention“ enthält, sind mitreißende Skizzen aus dem Alltag eines Großstadt-Twens. Es geht um Mädchen und ums Ausgehen, die Sensationen des Wochenendes, um die Pornosammlung, die man vor den Eltern unterm Bett verstecken muss, und um den Kauf einer neuen Bassgitarre. Geschichten von nebenan, vorgetragen in hartem Cockney-Akzent. Die Musik dazu oszilliert zwischen Punkrock und Hiphop, es gibt rumpelnde Gitarrenriffs, säuselnde Synthiestreicher, merkwürdiges Stimmengewirr und seltsam tutende Electrotrash-Samples.

In England wird Jamie T schon als neuer Pop-Erlöser gefeiert. „Panic Prevention“ gilt als aufregendstes Debüt seit „Whatever People Say I Am, That’s What I’m Not“ von den Arctic Monkeys. Der gerade einmal 20 Jahre alte Sänger aus dem Londoner Stadtteil Wimbledon hat die Do-it-yourself-Idee aus den Pioniertagen des Punk wiederbelebt, drei Akkorde und ein Haufen Reime sind genug, um großartige Songs zu erschaffen. Was zählt, ist Euphorie, nicht Handwerk. Vom einflussreichen „New Musical Express“ wurde er flugs zum Vorreiter einer neuen Musikrichtung namens „Plain British Suburban Lifestyle“ ausgerufen. Und der „Guardian“ bejubelte seine Platte als „Klassiker, dessen Ausgefeiltheit von der eigenen manischen Energie verdeckt wird“.

Manische Energie. Jamie Treays – so der bürgerliche Name – leidet unter Panikattacken. „Das fing an, als ich als Jugendlicher zu viele Drogen, vor allem Pillen, eingeworfen hatte“, erzählt er. Der Sänger sitzt im Berliner Büro seiner Plattenfirma, er trägt Jeans und ein Nike-T-Shirt und raucht Kette. In der Nacht davor hat er mit seiner dreiköpfigen Band ein sehr lautes und ziemlich kurzes Konzert im Magnet-Club gegeben, bei dem der halbe Saal die Texte mitsang, obwohl die Platte noch gar nicht veröffentlicht war. „Stress ist eigentlich Gift für mich, aber momentan erlebe ich positiven Stress“, sagt er. „Hart zu arbeiten macht mich glücklich.“ Er hat gelernt, mit den Angstzuständen, die ihn bis in eine Klinik brachten, zu leben. Treays kann seiner Krankheit sogar etwas Positives abgewinnen. „Ich fühle mich lebendig, sogar, wenn es mir beschissen geht.“

„Panic Prevention“, das war der Titel einer Entspannungs-CD, die ihm seine Mutter schenkte, als es ihm schlecht ging. Darauf forderte ein Sprecher den Hörer auf, langsam durchzuatmen und sich zu beruhigen. Treays sampelte die Stimme und verhackstückte sie auf Mix–Cassetten, die er bei seinen Auftritten in Londoner Vorort-Pubs verkaufte. Mit 14 Jahren bekam er ein Schlagzeug, mit 15 einen Bass geschenkt. Das Spielen hat er sich selber beigebracht. Auf dem College belegte er einen „Musiktechnik“-Kurs und nahm in einem Studio eine Coverversion von Billy Braggs Klassiker „To Have Or Have Not“ auf. Der Lehrer gab ihm dafür nur „ein fucking U“, die schlechtestmöglichste Note. Billy Bragg, der politisierende Einmannunterhalter an der Gitarre, ist trotzdem bis heute sein Idol geblieben. „Er ist toll, aber seine Liebeslieder haben mich immer mehr berührt als der politische Kram.“

Von Jamie T geht eine aufgekratzte Unruhe aus. Er hat schon ein knappes Dutzend Interviews hinter sich, kann aber kaum stillsitzen. Manchmal, sagt er, habe er auf der Bühne „das Bedürfnis ein bisschen rumzuspringen und so zu tun, als ob ich Mitglied von The Clash wäre“. The Clash sind seine Helden. „Ich liebe ihre Songs und noch mehr ihre Ausstrahlung“, sagt er. „Sie waren selbstbewusst genug, sich mit fremden Musikstilen zu beschäftigen und daraus etwas ganz Eigenes zu erschaffen.“ Auf „Panic Prevention“ hat diese Begeisterung ihre Spuren hinterlassen, holprige Ska- und Reggaeeinlagen verweisen auf Bands wie The Specials, Madness oder eben The Clash. Begonnen hat Treays’ Aufstieg im „12 Bar Club“ in Soho, wo er allmonatlich unter dem Titel „Panic Prevention Disco“ einen Abend veranstaltet, bei dem er befreundete Bands und DJs einlädt und selber mit dem Akustikbass auftritt. Die Abende sind regelmäßig ausverkauft.

Jamie Ts Lieder halten sich nicht an das Strophe-Chor-Strophe-Schema traditioneller Songs. Seine Texte sind ein Strom von Worten, Sprachspielen und Gedanken, ihr für Nicht-Engländer mitunter schwer verständlicher Slang erinnert an den sehr britischen Hiphop von Mike Skinner alias The Streets. „Well, I went to buy myself a handgun / Why you think man, to shoot down everyone / But I spent all my money on this cracked out piece of shit called the bass guitar“, singt Jamie T in „Brand New Bass Guitar“. Statt einer Pistole hat er sich doch wieder nur eine Bassgitarre gekauft. Der Mann schießt bloß mit Worten. Keine Panik.

„Panic Prevention“ von Jamie T ist bei Labels/EMI erschienen.

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