Kultur : E.S.T.

Diese Woche auf Platz 73 mit: „Viaticum“

Ralph Geisenhanslüke

Beim Konzert, 2002 im Berliner Tränenpalast, rief er aus: „Monk ist tot! Aber seine Musik lebt!“ Und mancher Jazz-Polizist fragte sich: Darf man das? Und dazu auch noch so gefällig spielen? Gut möglich, dass der Pianist Thelonius Monk, lebte er heute, ganz anders klingen würde als Esbjörn Svensson. Eines haben der Bebop-Übervater und der noch immer junge Mann aus Stockholm gemein: Ökonomie. Das hat das Esbjörn Svensson Trio schon 1996 mit einem hingebungsvollen Monk-Album dokumentiert. Da ist zum Beispiel Monks Gespür für wohldosierte Wiederholungen. Auch Svensson geht es weniger darum, dauernd seine Fingerfertigkeit zu zeigen, als vielmehr verborgene Strukturen eines Themas freizulegen und den Hörer auf eine Erkundungsreise mitzunehmen.

In der Realität aber verläuft Svenssons Karriere vollkommen anders als die von Monk, der Jahrzehnte auf Anerkennung warten musste. Der Schwede ist ein Popstar. Seine Songs laufen auf MTV. Er füllt große Hallen mit Menschen, die tatsächlich nichts anderes wollen, als drei Herren an Bass, Schlagzeug und Piano zu hören. Deren Erfindungsreichtum tobt sich nicht in Ego-Trips aus, sondern in gemeinsamen, beinahe telepathischen Exkursionen. Man kennt sich schließlich seit der Sandkastenzeit.

Dabei sind die drei keine asketischen Handarbeiter, sondern durchaus moderner Technik zugetan. Sie stellen auch mal eine Discokugel oder eine Nebelmaschine auf die Bühne. Am Ende des neuen Albums haben sie einen Ghost- Track versteckt, der Brian Eno zur Ehre gereichen würde. So etwas können auch Frauenzeitschriften empfehlen.

Immer wieder werden Artikel geschrieben, die der Frage nachgehen, warum seit langem die spannendsten Entwicklungen im Jazz und verwandten Gebieten aus Skandinavien kommen. Ein paar Takte, von Esbjörn Svensson – aber auch von Bugge Wesseltoft oder Nils Petter Molvær – genügen als Antwort: Es ist die Offenheit, Sinnlichkeit und Abwesenheit von bildungsbürgerlichem Dünkel. Mit einem Wort: Diese Musik ist userfreundlich.

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