Eagles im Interview : "Unsere Groupies sind jetzt alle Omas"

Für immer Kalifornien: Don Henley und Joe Walsh von den Eagles sprechen im Interview über Nostalgie, Motivation und das Ende ihrer ewigen Bandstreitereien.

Thomas Willman
Kurz vor dem Abheben. Glen Frey, Joe Walsh, Timothy B. Schmit und Don Henley sind die Eagles. Foto: Andrew Macpherson
Kurz vor dem Abheben. Glen Frey, Joe Walsh, Timothy B. Schmit und Don Henley sind die Eagles. Foto: Andrew Macpherson

Manche Bands werden ihrer Hits müde. Haben Sie je erwogen, ein Konzert ohne „Hotel California“ zu spielen?

DON HENLEY: Nein, wir haben kein Interesse an Selbstmord. (lacht) Die Leute haben gewisse Erwartungen. Wir sind keine experimentelle Band. Und das ist einer der Gründe, warum wir noch da sind. Die Leute haben eine emotionale Verbindung zur Originalversion des Songs, wie sie ihn aus dem Radio kennen.

JOE WALSH: Zum Glück ist dieser Song für mich noch immer eine Herausforderung. Manche Stücke laufen ziemlich automatisch – in diesem muss man echt bei der Sache sein. Bei dem Doppel-Gitarren-Solo müssen wir wirklich aufeinander achtgeben, damit es nicht nach einem Totalschaden klingt. (lacht)

HENLEY: Das Wort „Kalifornien“ scheint für die Menschen weltweit viel Symbolgehalt und Bedeutung zu haben. Wir haben die amerikanische Kultur durch Filme und Musik in die ganze Welt exportiert – mit allen Vor- und Nachteilen. Ich glaube, dass der Song „Hotel California“ so populär ist, hat schlicht sehr viel mit diesem einen Wort zu tun. Egal, worum’s darin sonst noch geht.

Apropos US-Export: Ihre Tour hat sie Anfang des Jahres in viele Länder Asiens geführt. Hätten Sie sich das vor 40 Jahren träumen lassen?

HENLEY: Nein. Ich hab bei unserem Flug von Singapur nach Taipeh daran gedacht. Wir flogen nordwärts über das südchinesische Meer, und auf der Westseite des Flugzeugs lagen Ho-Chi-Min-Stadt, Danang und Hanoi. Und ich dachte nur: Wow! Diese Städte haben soviel Bedeutung für uns, wegen des Vietnamkriegs. Und auf der Ostseite lagen Manila und die Philippinen, und ich dachte an meinen Vater, an den Zweiten Weltkrieg. Die Geografie ist ungemein symbolgeladen.

Warum die lange Pause vor dem letzten Studioalbum „Long Road Out of Eden“ von 2007?

HENLEY: Wir hatten alle Angst davor, eine Platte zu machen, weil wir Sorge hatten, ob sie dem Vergleich mit „Hotel California“ und all den anderen Alben standhalten würde. Die Karriere jedes Künstlers hat einen Höhepunkt, wo man eine Hochebene erreicht, und man ein wichtiger Teil der Kultur ist – des, um ein deutsches Wort zu benutzen, „Zeitgeists“. Das gelingt einem nicht zweimal.

Jetzt ist Ihre Musik nicht mehr zeitgemäß, sondern Classic Rock.

HENLEY: Seien wir ehrlich: Ein Teil dessen, was wir verkaufen, ist Nostalgie. Die Leute wollen zurück in ihre Jugend. Und dennoch betrachten wir uns als durchaus relevant. Was einer der Gründe ist, warum wir letztendlich beschlossen haben: Wir müssen ein neues Album machen, wir können nicht einfach weiter nur rausgehen und die alten Sachen spielen. Und ich glaube, manches auf dem neuen Album ist so gut wie einiges von den alten, und manches nicht.

Früher gab es oft Machtkämpfe bei den Eagles. Wie hat sich diese Dynamik verändert?

HENLEY: (schnauft) Einfach mehr Toleranz...

WALSH: Wir sind jetzt älter. Alle unsere Groupies sind Großmütter. Was nicht so geplant war – da muss man sich erstmal dran gewöhnen ...

HENLEY: Wir sind zu müde zum Streiten. Wir lassen jetzt einfach Glenn Frey alles bestimmen. (lacht)

WALSH: Uns macht es wirklich Spaß, zusammen zu arbeiten. Ich spiele auch in anderen Bands mit anderen Leuten. Aber da ist etwas Besonderes, wenn wir vier zusammen sind. Und was uns nun geblieben ist, ist an unserem Handwerk zu arbeiten: Das, was wir tun, so gut zu tun, wie es uns nur möglich ist.

HENLEY: Es ist das alte Klischee: Man muss den Brunnen sich wieder füllen lassen. Ich möchte nicht ununterbrochen Songs schreiben. Ich möchte Bücher lesen, Filme schauen, Zeit mit meinen Kindern verbringen, Angeln gehen. Man braucht auch ein Leben. Und das Leben prägt deine Musik. Wenn du kein Leben hast, worüber willst du dann schreiben?

Ihr letztes Album ist recht politisch und pessimistisch. Haben Sie Zukunftssorgen?

HENLEY: Die großen Probleme der Zukunft werden Öl, Wasser und Religion sein. Sowie Überbevölkerung, Resourcenknappheit. Aber man muss hoffnungsvoll und positiv bleiben. Wir haben alle Kinder. Man muss weitermachen und hoffen, dass das Gute im Mensch sich durchsetzt. Und die Technologie uns aus dem Schlamassel bringt, in den uns die Technologie gebracht hat.

Was gibt Ihnen die Motivation, in Ihrem Alter noch zu touren?

HENLEY: Wir bekommen unsere Energie von den Leuten. Es ist eine Rückkopplungsschleife: Sie geben uns Energie, und wir geben sie ihnen zurück. Eine wunderschöne, symbiotische Beziehung.

WALSH: An einem guten Abend gibt es einfach nichts Vergleichbares, als mit dieser Band auf der Bühne zu stehen. Benny Goodman hat mit 82 noch in der Carnegie Hall gespielt – und war toll.

HENLEY: Mal sehen. Ich glaube nicht, dass wir so lang weitermachen. Nächstes Jahr hat die Veröffentlichung unseres ersten Albums 40-jähriges Jubiläum. Das könnte ein guter Zeitpunkt sein, um ... Na ja. Aufzuhören? Oder auf Tour zu gehen.

WALSH: Farewell-Tour? Farewell-Two?

HENLEY: Die Motivation ist wirklich die Popularität, die wir noch genießen. In unseren tollsten Träumen hätten wir nicht gedacht, dass wir mit über 60 noch solche Massen anziehen würden. Es gibt aus der Ära nicht mehr viele von uns. Und ich hoffe, dass wir noch mehr Songs schreiben können. Ich hoffe, dass meine beste Arbeit noch vor mir liegt. Ob es wahr ist oder nicht: Es lässt einen morgens aus dem Bett aufstehen.

Das Gespräch führte Thomas Willmann. Die Eagles spielen am 23. Juni um 19 Uhr in der Berliner Waldbühne.

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