Kultur : Echo vom Ego

Schriftsteller, Zeichendeuter, Tausendsassa: dem italienischen Meister Umberto Eco zum 75.

Paul Kreiner

Das Auswandern ist ihm erspart geblieben. Vor der Parlamentswahl im April 2006 hatte Umberto Eco angekündigt, er werde Italien verlassen, sollte Silvio Berlusconi erneut an die Regierung kommen. So jedenfalls vernahm es voller Ergriffenheit die Intelligenzija des Landes, und weil der graubärtige Eco als geistiger Großvater der italienischen Linksintellektuellen gilt, hatten seine Worte Gewicht.

„Nein, nein“, korrigierte Eco später. Er habe lediglich gesagt, er als angehender Rentner könnte theoretisch ja auswandern, während die arme Mehrheit der Italiener zum Ausharren gezwungen sei. Und schließlich: Wie sollte der Professor überhaupt umziehen, mit den 30 000 Bänden seiner bescheidenen Mailänder Heimbibliothek? Kurz: Ecos Ankündigung war wieder mal ein Spiel – wie alles ein Spiel ist in seinem weltweit verbreiteten literarischen Werk: ein Vexierspiel der Worte, ein Geländespiel im vorsätzlich gelegten Spurenwirrwarr der Geschichte, ein Schiffchenversenken im Meer des vorigen Tages, eine geistreiche Montage historischer und zeitgenössischer Anspielungen, die außer dem Meister selbst keiner mehr enträtseln kann.

Da ist es nur folgerichtig, dass Ecos jüngstes Werk ein Destillat reiner, kaum übersetzbarer Wortspiele ist. Kongenial die Überschrift, die „L’Espresso“ dem Vorabdruck verpasste: „Ecco l’eco dell’Ego di Eco“ – „Hier ist das Echo des Ego von Eco.“ Für das Wochenmagazin schreibt Eco seit 1965 alle zwei Wochen seine „Streichholzbriefe“. Darin analysiert er mit lockerer Hand den Lauf der Welt, „mein verrücktes Italien“ vor allem: die Kuriositäten des inflationären Handygebrauchs ebenso wie die „ziemlich hässlichen“ Mohammed-Karikaturen aus Dänemark, die sexuellen Steherqualitäten der modernen Gesellschaft und deren Manie, auf den Spuren obskurer Da-Vinci- oder Dan-Brown-Codes Wahrheiten finden zu wollen – wo Eco selbst doch alles längst zum enzyklopädischen Roman gruppiert hat, weit belesener als jeder andere und historisch verlässlich obendrein.

Die Zeichen der Zeit entschlüsselnd und seine Kolumnen alle paar Jahre zwischen Buchdeckel pressend, hat der weltweit erste Lehrstuhlinhaber für Zeichenwissenschaft („Semiotik“) jüngst entdeckt, dass die Geschichte sich „im Krebsgang voran“ bewegt, dass auf den Kalten Krieg wieder heiße Versionen nach alter Art folgten, dass „christliche Fundamentalismen, die zur Chronik des 19. Jahrhunderts zu gehören schienen“, wiederauferstehen, dass „unsere Familien wieder farbige Sklaven beherbergen“, dass der iPod nur eine Neuauflage des klassischen Kurbelradios ist und so weiter und so weiter.

Mit anderen Worten: ein gefundenes Fressen für einen, der im Mittelalter daheim ist. Er glaubt zu spüren, dass letztlich alles nach Hause kommt. Für diese Rückkehr ist Eco selbst ein lebendes Beispiel, sein eigenes „Offenes Kunstwerk“ gewissermaßen: Über die Ästhetik beim mittelalterlichen Kirchenlehrer Thomas von Aquin hat er einst promoviert – doch erst jetzt, vier Jahrzehnte nach den ersten Anläufen (bei denen er seine Frau, die deutsche Grafikerin und Kunstlehrerin Renate Ramge kennenlernte) gab er den Bildband heraus, den er seinerzeit plante: „Die Geschichte der Schönheit“.

Wären da nicht die „Streichholzbriefe“, ließe sich sagen, dass Ecos Werk in Deutschland weiter verbreitet ist und höher geschätzt wird als in Italien. Zum einen ist er sprachlich im Original elitärer als in der Übersetzung – selbst gebildete Italiener geben zu, dass sie bei Eco nicht ohne Wörterbuch auskommen – , zum anderen herrscht in Italien allgemein zu viel Geschwätz und Eco selbst nimmt gerne am Lieblingsspiel der Intelligenz seines Landes teil: an der fortlaufenden Selbstbespiegelung.

Umberto Eco, ein „angehender Rentner“? Davon ist, so oder so, nicht ein Hauch zu spüren. Heute wird er ja erst 75 Jahre alt.

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