Kultur : Edel erlesen bis üppig bunt

Kunstkammern, Schatztruhen, Spieltische: Auf der 47. Kunstmesse München herrscht verhaltener Optimismus

Eva Karcher

Er war der begeistertste Porzellansammler Europas. 1720 ließ Augst der Starke, hemmungsloser Lebemann und leidenschaftlicher Liebhaber exotischer Pretiosen, sein „holländisches Palais“ am Dresdner Elbufer im fernöstlichen Stil mit japanischen Lackmöbeln, chinesischem Steinzeug und ostasiatischen Porzellanen einrichten. Auf vergoldeten Konsolen standen außerdem die neuen Trophäen des sächsischen Kurfürsten: Porzellane aus Meißen im Stil der chinesischen und japanischen Vorbilder, produziert in der hauseigenen Manufaktur. Johann Friedrich Böttger, Augusts Arkanist, hatte das Geheimnis um das weiße Gold zehn Jahre früher endlich gelöst. Es hieß Kaolin. Die feine weiße Tonerde ermöglichte endlich die einheimische Herstellung von Porzellan.

Wenn nun auf der diesjährigen 47. Kunstmesse München 70 Highlights aus der Kollektion des porzellanverrückten Regenten als Leihgabe des Dresdener Zwingers präsentiert werden, so spiegelt die elegante Sonderschau auch ein bisschen die Stimmung des Markts wider, die sich am zutreffendsten als verhalten optimistisch beschreiben lässt. Der Rückkehr zum eher kleinen, bescheidenen Format entspricht ein Rückgang der Zahl der Messeteilnehmer von 140 auf 120. Eine „Fluktuation von 20 Prozent“ hält Peter Henrich, der Geschäftsführer der KMM, für normal und betont einmal mehr das „hohe Qualitätsniveau“ dieser wichtigsten deutschen Kunst- und Antiquitätenmesse.

Nennen wir es gediegen wie die bewährte Inszenierung der Stände als Kunstkammern, Schatztruhen oder Salons in edel erlesener bis bunt üppiger Ausstattung. Wer hier seine Weihnachtseinkäufe tätigen will, kann jedenfalls mühelos fündig werden, vor allem, wenn er die „maladie de porcelaine“ Augusts des Starken teilt. Ihn hätte möglicherweise das turtelnde Pärchen „Pantalone und Kolumbine“ gereizt, das Johann Joachim Kaendler 1738 für die Meißener Werkstatt fertigte und das Angela Gräfin von Wallwitz zum Preis von 70 000 Euro anbietet, vielleicht aber auch die sehr seltene Miniaturskulptur „Der türkische Kaiser“ (um 1755) aus der Manufaktur Hoechst mit ihrem orientalischen Flair, die bei Röbbig, einem der aufwändigsten Stände der Messe, zu bestaunen ist.

Eines der geschichtsträchtigsten Möbel der Messe offeriert Albrecht Neuhaus für 102 000 Euro, einen aufwendig geschnitzten, goldgefassten Spieltisch aus Lindenholz, den Fürstbischof Karl von Schönborn Kurfürst Karl Albrecht von Bayern zu dessen Kaiserkrönung schenkte. Zu den auch preislichen Höhepunkten der Messe zählen sechs Arbeiten von Marc Chagall, die bei Salis & Vertes bis zu einer Million Euro kosten, Leo von Klenzes Gemälde „Ansicht von Atrani bei Amalfi“, das Bühler für 750 000 Euro offeriert, und Max Liebermanns melancholisch in den Dünen bei Zandvoort „Schreitender Bauer“, mit dem Arnoldi-Livie glänzt (160 000 Euro). Weitaus günstiger, dabei qualitativ ebenso hochwertig können Sammler von Zeichnungen bei der Münchner Kunsthändlerin Katrin Bellinger (ab 9000 Euro) fündig werden. Wer schließlich thematische Ausstellungen mag, der ist bei Nusser & Baumgart richtig. Deren Mix aus Landschaftsgemälden und Fotografien von Lesser Urys golden aufgehender Sonne am Gardasee bis zu Hiroshi Sugimotos gleißender „Bay of Satami“ versöhnt ein bisschen mit den derzeit allgemein eher trüben Perspektiven.

Bis 8. Dezember, Halle A6, Messegelände Neue Messe München. Informationen unter www.kunstmessemuenchen.de

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