Kultur : Edition Stella A.: Duchamp für Arme

Elfi Kreis

Im Hinterzimmer der Galerie "Edition Stella A." hängt unter der Decke eine Ikone des Readymades: Marcel Duchamps Flaschentrockner. Der handelsübliche Prototyp aus Weißblech war noch bis vor wenigen Jahren im Angebot der Haushaltswarenabteilung eines Pariser Kaufhauses. Im Kontext der Galerie erinnert das Metallobjekt an einen silbrigen Stern, denn genau das bedeutet Stella: Stern. Es ist nicht der einzige Namensbezug, den man in der hauseigenen Multiple-Produktion findet: In einer Vitrine sind Glühbirnen der Marke "Stella" neben einem Päckchen "Sternsalz" (Auflage 100, 22 Mark) arrangiert.

Zur Eröffnung der winzigen Ladengalerie in der Gipsstrasse vor anderthalb Jahren bildeten anspielungsreich jene blauen Packungen mit weißem Sternzeichen an der Wand das Bild des Großen Wagens. Damit kombinierten die Initiatoren, der Künstler Michael Behn und die Psychotherapeutin Dorle Döpping, ein anderes Multiple von 1969: George Brechts "Sonnensalz". Schließlich erschienen die Schriften Duchamps einst unter dem Titel "Merchand du Sel" ("Salzhändler"). Sein Werk und die Fluxusbewegung insgesamt sind Fixsterne für den Kunstkosmos des Editions- und Ausstellungsprogramms.

Das war schon so, als die Edition "Stella A." 1991 mit acht handcolorierten Kopien und einer Fotografie von Werken Duchamps im privaten Rahmen begann. Originale des Altmeisters sind kaum noch erschwinglich und äußerst rar. Behn konzipierte in freier Interpretation des Meisters seine "Duchamp-Sammlung für Arme" (Auflage 20, 2200 Mark). Seitdem werden Werke von ihm unter dem Künstlernamen "Stella Armut" vertrieben, die Editionen zwischen 10 und 25 Mark mit "Stella A." signiert. Sie erscheinen zu Themenausstellungen wie "Void" (mit Bezug auf den gleichnamigen "Form"-Werkzyklus Georg Brechts), "Nackte Erscheinung" oder "Blumen etc." (Transparentkästchen mit getrockneten Fruchtknoten der Vogelmiere, botanisch "Stellaria media"). Für Behn ist Fluxus "ein Knotenpunkt der Kunstgeschichte", bei dem er anknüpft, um den Faden aktuell weiterzuführen. Entsprechend mixt er in den Gruppenschauen Werke von Künstlern der Galerie wie Fritz Balthaus, Thomas Kapielski oder Christoph Mauler munter mit Arbeiten aus seinem Fluxusfundus, der Werke von Robert Filliou, Marcel Broodthaers, Dieter Roth oder Joseph Beuys umfasst. Lachend zitiert Döpping einmal mehr Duchamp: "Die Toten müssen die Lebenden ernähren".

Nach Gruppenausstellungen im ersten Galeriejahr stehen jetzt Einzelausstellungen jüngerer, noch weniger bekannter Künstler auf dem Programm. Die kommende Ausstellung widmet sich den "Karton-Objekten" des Berliner Malers Christoph Mauler (13. Juli bis 11. August). Ab September ist anlässlich seines 50. Todestages eine Ausstellung mit Editionen von Wols geplant. Unter dem Titel "aufeinanderhin" sind am heutigen Sonnabend noch Zeichnungen von James Geccelli zu sehen, dem Sohn des Künstlers Johannes Geccelli. Auf grundierten Sperrholzplatten hat er mit Pinsel und Gouache von links nach rechts feine, mal nach unten, mal nach oben gebogene Farblinien gezogen, die sich in den Kurven schneiden. Die Linienfolgen kommen wie Schienenstränge aus dem Nirgendwo außerhalb des Bildfeldes und führen wieder darüber hinaus. Dabei erzielt Geccelli eine schwebende Balance zwischen dem Erscheinen und Entschwinden. Er lenkt den über die Bildfläche schweifenden Blick des Betrachters für den Augenblick in geordnete Bahnen. Denkt man die unvollendeten Linienverläufe seiner offenen Zeichnungen über den Bildrand hinaus mathematisch weiter, wird die Geschlossenenheit ihrer Konstruktion klar: Parallelen treffen sich im Unendlichen.

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