Edna St. Vincent Millay : Vers und Flamme

Zu ihren Lebzeiten kannte jeder amerikanische Intellektuelle mindestes ein Gedicht von ihr. Doch Edna St. Vincent Millay starb arm und vereinsamt. Jetzt gibt es eine neue Kurzbiografie über sie, immerhin.

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Edna St. Vincent Millay zeigte sich gern in Pose.
Edna St. Vincent Millay zeigte sich gern in Pose.Foto: Library of Congress Prints and Photographs

„Meine Kerze brennt an beiden Enden. Sie wird die Nacht nicht überdauern“. Sie war der Stern des Jazz-Age, die erste Pulitzerpreisträgerin, der Star der amerikanischen Lyrik. Aber als sie 1950 verarmt und vereinsamt, von Alkohol und Morphium zerfressen, die Treppe herunterstürzt und sich den Hals bricht, wird sie erst am Tag darauf gefunden. Und doch gab es zu ihren Lebzeiten unter den literarisch Gebildeten Amerikas wohl keinen, der nicht wenigstens eines ihrer Gedichte auswendig wusste.

In ihrem Geburtsjahr 1892 stirbt Walt Whitman, der der amerikanischen Lyrik ihre erste große, eigenständige Stimme gegeben hatte. Und auch wenn in diesen Jahren Gertrude Stein, Ezra Pound, T.S. Eliot, Faulkner und Hemingway geboren werden, sie steht für zwei Jahrzehnte am Zenit: Edna St. Vincent Millay.

Ihr Wirken und ihre Wirkung freilich beschränken sich auf Amerika. Zwei Jahre Aufenthalt in Paris, dem Schmelztiegel der Moderne, bleiben ohne Einfluss. Dessen künstlerische Intentionen bleiben ihr fremd. Aber ihre Vorhersage „Meine Kerze brennt … sie wird die Nacht nicht überdauern“ trifft mindestens im angelsächsischen Raum nicht zu. Noch 1944 druckt die US-Armee in einer „Armed Service Edition“ ihre Gedichte in einer Auflage von 140 000 und verteilt sie an die Soldaten. In Deutschland gibt es zu der Zeit keinen Autor von Rang mehr, der nicht verboten, verjagt oder ermordet ist.

Ihr Leben als Dichterin beginnt am 29. August 1912 im Whitehall Inn in Camden, einem verschlafenen Ort an der Ostküste. Als sie vor einer betuchten Urlaubsgesellschaft am Klavier Lieder vorträgt, wird sie gebeten, etwas zu rezitieren. Sie trägt auswendig die 246 Verse ihrer „Renascence“ vor. Dies wird der Augenblick ihrer eigenen Wiedergeburt.

Eine reiche New Yorkerin unter den Zuhörern beschließt, der zwanzigjährigen Kellnerin ein Stipendium am berühmten Vassar-College für Frauen zu finanzieren. Ein Märchen beginnt. Aber jedes gute Märchen ist auch eine Schreckensgeschichte. Edna hält sich weder an die College-Regeln noch an die der bürgerlichen Moral; bricht aus nach Greenwich Village; treibt sich herum, lebt ausschweifend bisexuell und schreibt ihre Weisen von Liebe und Tod, also vom Leben, wie sie Amerika bis dahin noch nicht gehört hatte.

Verse, die Verzauberung und Verdammnis in einer Strophe, in eine Zeile zusammenpressen. Liebe ist – so lang sie denn dauert – ein Duell. Anfangs in einfachen, naturnahen Bildern mit Reim und Strophe; später oft in der anspruchsvollsten poetischen Form, der des Sonetts.

Ihr zweiter Gedichtband zerstört für immer das Bild der vergeistigten Unschuld vom Lande. Nie zuvor war die Flüchtigkeit der Liebe so kaltschnäuzig von einer Frau besungen worden:

And if I loved you Wednesday

Well, what is that to you?

I do not love you Thursday –

So much is true.

And why you come complaining

Is more than I can see,

I loved you Wednesday – yes, but what

Is that to me?