Eduard Habicher : Plötzlich im Weg

Seine Werke brauchen Raum und akzentuieren ihn zugleich: Skulpturen des Tiroler Künstlers Eduard Habicher am Historischen Hafen.

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Schippernder Stahl. Habichers Skulptur "Gegen den Strom" von 2010. Foto: Galerie Son
Schippernder Stahl. Habichers Skulptur "Gegen den Strom" von 2010.Foto: Galerie Son

Im Wasser tuckert das Ausflugsboot „Alexander“, ein paar Meter weiter hat die Skulptur von Eduard Habicher festgemacht. Einen Anker braucht sie allerdings nicht: „Gegen den Strom“, ein abstraktes Gebilde aus Stahl, wiegt selbst fünfhundert Kilo.

Wo sich die Spree am Historischen Hafen Berlins teilt und die Fischerinsel umschließt, ragt eine Beton-Plattform aus dem Wasser. Ohne sichtbare Funktion, weshalb sie Habicher vom Hafenamt für seine Arbeit zur Verfügung gestellt bekommen hat. „Gegen den Strom“ zeichnet die Umrisse der vorbeifahrenden Schiffe nach, man erkennt einen roten Rumpf mit gelbem Segel. Beides ist aus normierten Stahlträgern gefertigt, die der Bildhauer in seinem Atelier rotglühend erhitzt und bis an die Grenze des Möglichen bearbeitet. Von Weitem wirken sie dennoch federleicht – wie eine flüchtige Formation, die der nächste Windstoß ins Wanken bringt.

Habichers Skulpturen brauchen Raum und akzentuieren ihn zugleich. Vier Arbeiten hat er entlang der Wasserstraße installiert – den Anfang macht „Gegen den Strom“, das Ende markiert der U-Bahnzugang Spittelmarkt. Und obwohl ihr Material alltäglich ist, fallen die Arbeiten sofort auf: Ihre Farbgebung, meist Signalrot, macht sie zu artifiziellen Fremdkörpern. Berlins Denkmalschützern waren sie viel zu fremd für den historischen Stadtraum: Kurz vor der Fertigstellung seines Projekts untersagten sie die Installation der Arbeit „Nucleo“ (2005) auf der Grünstraßenbrücke. Was man bedauern muss, weil die Brücke ein eher unscheinbares Dasein als Fußgängerüberweg fristet. Und sie das rote Band kein bisschen in ihrer historischen Bedeutung geschmälert, sondern die Blicke (endlich) wieder einmal auf das Bauwerk gerichtet hätte. Denn das vermag Kunst im öffentlichen Raum zu leisten: Sie bleibt autonom und integriert sich dennoch ins Stadtbild.

Aufgestellt hat Habichers Werk die Galerie Son. Sie ist vor einigen Jahren aus der Linienstraße in ungleich größere Räume auf der Wallstraße gezogen, die seit der Wende noch nicht wirklich zurück in die Stadt gefunden hat. Die Gegend um das Märkische Museum wartet auf urbane Definitionen. Und genau dies nimmt die Ausstellung im Innen- und Außenraum vor (Preise: ab 1800, große Skulpturen bis 100 000 Euro).

Die Skulptur „Volumi“ des in Tirol geborenen Künstlers steht im Hof. „Auf und ab“ ist als meterhohes Ensemble an der Hauswand arretiert. Auch hier hat Habicher den schweren Stahl so verbogen, dass er wie Stoff herabhängt und großzügig Schleifen dreht. Das erinnert an Objekte von Claes Oldenburg, der es seit den sechziger Jahren versteht, starre Materialien weich und schlaff wirken zu lassen. Doch während der Pop-Art-Künstler Alltagsobjekte in riesigen Maßen auf die Straße gestellt hat, bleiben Habichers Arbeiten abstrakt. Ragen wie Zeichen in den Raum, beginnen im unteren Drittel oft im strengen Winkel und enden hoch über der Erde als luftig-chaotische Gebilde.

Dieses Fragile ist dem Künstler so wichtig wie der Widerspruch zwischen dem Werkstoff, der all seine Kräfte fordert. Und dennoch am Ende wirkt, als habe ein Riese sein Spiel mit ihm getrieben.

Galerie Son, Wallstr. 16. Die Ausstellung wird am heutigen Samstag, 28.8., um 19 Uhr eröffnet und ist bis 30. Oktober (Galerie: Di-Sa 11-18 Uhr) zu sehen

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