Kultur : Ehrlichkeit

Joachim Huber

Peter Ensikat hat Recht: Wer mit sich selbst ehrlich sein will, der muss auf die Lücken in seinem Gedächtnis hoffen. Sonst könnte die Bilanz den Bilanzierenden um den Verstand bringen. Ensikat aber sucht die wahrhaftige Bilanz seines und anderer Leben. Und er stellt eine verdammt komplizierte Berechnung an: Wie hältst du’s mit der Macht, wie verhältst du dich in einem System, das zum Widerstand herausfordert und sich durch mangelnden Widerstand an der Macht hält?

Das Personal: natürlich Ensikat selbst, 1941 in Finsterwalde geboren, mit dem DDR-Nationalpreis dritter Klasse ausgezeichnet und von der Zensur geplagter Kabarettist. Außerdem sein königstreuer Schwiegervater, Sachsen vom letzten Regenten Friedrich August bis zum Humoristen Hans Reimann, der zum Nazi wurde und sich doch als Opfer sieht, die DDR vom Dachdecker an der Spitze bis zum Volk, die Bundesrepublik und die Bundesrepublikaner.

Ensikat war von 1991 bis 2004 der Berliner „Distel“ als Autor, Regisseur und zuletzt als künstlerischer Leiter verbunden. Er reflektiert ohne Larmoyanz, seine Sortierung sucht nicht nach Gut und Böse zu scheiden. All dies wäre ihm zu simpel. Sein exzellent formuliertes Buch ist vielmehr von einer Wehmut geprägt, die sich daran reibt, dass kein System, weder ein untergegangenes noch ein bestehendes, die ultima ratio des Menschengeschlechts sein kann. Das Paradies, es liegt noch sehr fern, und vielleicht wird es niemals in Deutschland liegen. Aus diesem Schwebezustand zieht dieser zutiefst dialektisch denkende und schreibende Kabarettist seine menschenfreundliche Satire. Peter Ensikats Gedächtnis füllt nicht die Lücken, sein Gedächtnis bilanziert die Leerstellen.


Dieses Buch bestellen Peter Ensikat: Das Schönste am Gedächtnis sind die Lücken. Karl Blessing Verlag, München. 320 Seiten, 19 €.

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