Kultur : Ein Abenteurer als Innenminister

Weder KGB-Spion noch Kampfschwimmer: Peter-Michael Diestel präsentiert sich als unverstandener Held

von
Stoiber, Schäuble,
Stoiber, Schäuble,Foto: ullstein bild - Christof Stache

Wenn der letzte Innenminister der DDR seine Erinnerungen an die aufregendste Phase der deutschen Nachkriegsgeschichte, nämlich die Abwicklung des „Arbeiter- und Bauernstaates“ vorlegt, kann man spannende Episoden und brisante Hintergründe erwarten. Zumal Diestel mit der wohl schwierigsten Aufgabe im Kabinett von Lothar de Maizière betraut war, nämlich der Befriedung eines gigantischen Sicherheitsapparates aus Polizei und Geheimdienst.

Spannendes gibt es zuhauf in diesen Erinnerungen, die der Journalist Hannes Hofmann aufgeschrieben hat. Doch ehe man es findet, muss man sich durch einen – tatsächlich so benannten – „Diestel-Hymnos“ quälen. Zehn Elogen von Egon Bahr, Gregor Gysi, Manfred Stolpe, Matthias Platzeck, Alexander Schalck-Golodkowski und anderen, leiten ein Buch ein, das vor Selbstverliebtheit seines Protagonisten nur so trieft.

Er muss es nötig haben. Als Minister und stellvertretender Regierungschef war der Mitbegründer der Deutschen Sozialen Union (DSU) der wohl umstrittenste Spitzenpolitiker dieser kurzen Ära – sieht man von den Skandalfällen Ibrahim Böhme und Wolfgang Schnur ab, die auf dem Höhepunkt ihrer Revolutionskarrieren als enttarnte IMs von den Barrikaden fielen.

Auch Diestel hat man Stasimitarbeit anzuhängen versucht, er beschreibt es in seinem Buch. Man hat ihm Kumpanei mit denen vorgeworfen, die kaltzustellen seine Aufgabe gewesen wäre. Man hat ihm misstraut, weil er die Stasiakten am liebsten wegschließen wollte (worin er sich mit dem damaligen Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble einig war) und man hat ihm vorgeworfen, Stasiunterlagen vernichtet zu haben. Man hat ihm eine Vergangenheit als Kampfschwimmer und KGB-Spion angedichtet. Der Jurist und jetzige Rechtsanwalt Diestel wehrt sich bis heute gegen solcherlei Anwürfe auf die ihm vertraute Art: mit Prozessen.

Weil er „der Einzige“ gewesen sei, der „immer und überall auch für eine Versöhnung mit den konservativen Kräften des DDR-Machtapparates plädiert hatte“, sei er „für einige SPD-Leute und auch für viele Aktienhändler, die sich mit einem Bürgerrechtler-Image präsentierten, der Hauptgegner“ gewesen, schreibt Diestel. Und er zitiert einen Zeitzeugen, einen ehemaligen Geheimdienstmitarbeiter, der eidesstattlich versichert, er sei von einem Staatssekretär a. D. aus Nordrhein- Westfalen im Ost-Berliner Palasthotel angewiesen worden, Stasimaterial zu beschaffen. „Diestel sollte mit fast allen Mitteln zu Fall gebracht werden“, wobei auch eindeutig geheimdienstliche Methoden angewandt worden seien, erzählt der Mann. So seien Listen mit den etwa 840 im Innenministerium übernommenen ehemaligen Personenschützern des MfS Bürgerrechtlern zugespielt worden, die sie an die Medien weitergaben. Dem „Stasifreund Diestel“ wurde daraufhin von der Volkskammer die Zuständigkeit für die Stasiauflösung entzogen.

Das Buch ist voller solcher Geschichten. Sie stilisieren das Image eines unverstandenen und gejagten Helden, der edelmütig für Aussöhnung ficht. Dass das nur von denen honoriert wird, die in seinem Umfeld von dieser ausgestreckten Hand profitieren, beleidigt ihn. Er rechnet ab mit jenen, die im Mainstream der Aufarbeitung die Guten sind. Bürgerrechtlern hat er schon misstraut, als sie noch einer demokratisierten DDR nachjagten, statt auf schnellstmögliche Wiedervereinigung zu setzen. Als sie die Stasiakten schützen und die IMs enttarnen wollten, zieh er sie der Hexenjagd.

Die engen, zum Teil freundschaftlichen Kontakte zu den Obristen von einst hatten dagegen ihren Nutzen. Diestel erfuhr viel, was ihm bei einem Konfrontationskurs vorenthalten worden wäre. Von Moskau bekommt er eine Übersicht mit allen zehn Speziallagern des KGB in Ostdeutschland 1945 bis 1950 und die Namenslisten der 122 671 deutschen Opfer. Er erfährt von der Geheimoperation „Ljutsch“, bei der in der Vorwendezeit reformwillige DDR-Bürger, die ganz auf Gorbatschow hofften, vom KGB als Einflussagenten geworben wurden. Und Moskau öffnet ihm den Zugang zu dem inzwischen im Krankenhaus der sowjetischen Armee in Beelitz untergekommenen Ex-Staatschef Erich Honecker.

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren: Bei all diesen Aktionen treibt den damals 38-Jährigen vor allem die hemmungslose Abenteuerlust eines nie ganz erwachsen gewordenen Jungen – wenn er in einem Leipziger Gefängnis von unten die Dachsparren aufreißt und zu den revoltierenden Häftlingen aufs Dach steigt, wenn er im Rittergut Schwepnitz nahe Dresden – erfolglos – nach dem Bernsteinzimmer sucht.

Für die alten Eliten ist Diestel noch immer ein gefragter Anwalt. „Die Menschenhatz in den Medien und der politischen Öffentlichkeit findet zwanzig Jahre danach noch immer ohne jede juristische Rechtfertigung statt“ schreibt er, als habe es Volkskammerbeschlüsse und das vom Bundestag verabschiedete Stasiunterlagengesetz nicht gegeben. Manch einer mag für diese Opferperspektive der anderen Art Respekt aufbringen. Die tatsächlichen Opfer von Repression und Verfolgung aus DDR-Zeiten, die im Übrigen in seinem Buch so gut wie nicht vorkommen, werden nicht darunter sein.









– Peter-Michael Diestel: Aus dem Leben eines Taugenichts?
Das Neue Berlin, Berlin 2010. 256 Seiten, 16,95 Euro.

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