Kultur : Ein Amerikaner in Berlin

FALK JAEGER

Unter den berühmten amerikanischen Architekten nimmt er eine Sonderstellung ein: Philip Johnson, Jahrgang 1906, ist bereits zu Lebzeiten Legende.Architektur-Impresario, Freund und Förderer Mies van der Rohes, später zur Postmoderne konvertiert, dann Taufpate des Dekonstruktivismus, hat er es immer verstanden, sich Einfluß und Geltung zu verschaffen und über Jahrzehnte zu bewahren.Auch als Entwerfer hat er Bemerkenswertes geleistet, wenngleich gestrenge Kritiker seine "Lust zum Spektakulären" tadeln.Eines hat Philip Johnson freilich nie außer acht gelassen: Die Wünsche seiner Auftraggeber sind ihm Gesetz.

In Deutschland, wo er sich in den dreißiger Jahren von den Nationalsozialisten beeindruckt zeigte, hat er deren zwei: Für die Oetker-Dynastie baute er 1963/68 die Kunsthalle, und nun für den Estée-Lauder-Konzern das Haus Friedrichstraße 200 am Checkpoint Charlie."Philip-Johnson-Haus" nennt der Bauherr stolz den Bau mit seinen 18 000 Quadratmetern Büro- und 3 000 Quadratmetern Ladenflächen, der - wie üblich in der Friedrichstraße - den ganzen Block einnimmt und mit acht Ober- und drei Untergeschossen das Grundstück maximal ausnutzt.Das Haus gehört zum ehrgeizigen Projekt Ronald S.Lauders, der hier ursprünglich unter dem Label "American Business Center at Checkpoint Charlie ABC"850 Millionen Mark investieren wollte.Beschränkte Wettbewerbe führten 1992 zur Auswahl von vier Architektenteams.Niemand war so recht glücklich über die Entwürfe, jenen eingeschlossen, den der direkt beauftragte Johnson abgeliefert hatte.Gebaut wurden neben Johnsons die beiden Blocks von Ulrike Lauber und Wolfram Wöhr sowie Gisela Bender und Günther Glass.Nachdem die Investorenbäume nicht in den Himmel über Berlin wuchsen, zog sich Lauder aus dem Projekt zurück.

Das Philip Johnson Haus ist bereits in der "Vermarktung" und wird den potentiellen Mietern als "meisterhafte", "durchdachte Architektur" angepriesen.Was sich freilich dort mit seiner grauen Natursteintapete aus brasilianischem "Lila Gerais" präsentiert, gehört nicht zu Johnsons Glanzleistungen.Anfangs, 1992, schwankte er zwischen Schimpfkanonaden über die harschen Bauvorschriften des Senats und treuherzigen Beteuerungen, die für ihn ungewohnten Einschränkungen würden ihn zu besonderen kreativen Leistungen anspornen.Er hätte wohl mehr grollen sollen.

Trotz des erklärten Ziels der Berliner Senatspolitik, durch das Regelwerk für die Friedrichstadt "Berlinische Architektur" zu initiieren, hat Johnson kein Gebäude zuwege gebracht, das einem Berliner Typus entspräche (was keineswegs zu Beunruhigung Anlaß gäbe), doch der Bau hat auch nichts Originäres, Kraftvolles, Eigenständiges, wie von Johnson eigentlich erwartet wurde.

Ein- und zweiachsige "Risalite" wechseln sich ab, unterbrochen, ja isoliert durch fassadenhohe Glasbahnen, verbunden nur durch ein Gesimsband aus demselben tot-grauen Granit.Es entsteht das Bild eigenartiger anthropomorpher Formen, eine Reihe kantiger Männer, die sich an den Armen verschränken, als gelte es, Sirtaki zu tanzen.Doch nichts tanzt an diesem Gebäude.

Ein Fugenraster müht sich redlich, die Assoziation von Mauerwerk zu erzeugen.Sogar so etwas wie "Schlußsteine" gibt es, oberhalb der Rundbogenfenstern, freilich ohne die zugehörigen Bogensteine und funktionslos just über den Mittelpfosten - Gipfel der Absurditäten dieser Kulisse wie aus der Theatermalwerkstatt oder ein Späßchen für Fachleute? Wer weiß.

An allen vier Gebäudeseiten ist je eine Glasschürze ausgestellt wie die Dreh-Kipp-Wand bei Buster Keatons Fertighaus.Unter dieser bedrohlichen Schräge befinden sich die Eingänge.Immerhin schützen die pipeline-starken Regenrohre die scharfe Glasschneide wie Kantenschoner.

Wenn der Bauherr beim Architekten eine erkleckliches Quantum Pathos geordert hat, so ist er gut bedient worden.Die zentrale Halle des Gebäudes, eigentlich einer der beiden Lichthöfe - mit doppelgeschoßhohen Portalen, Granitwänden von römischer Schwere und strenger Rasterdecke -, verbreitet Würde und Stille.Im Zentrum die runde, schwarze, schutzlose Theke des Pförtners mit einem der einsamsten Arbeitsplätze ganz Berlins.Die Betreibergesellschaft Checkpoint Charlie KG entwickelte für die besondere Atmosphäre allerdings kein Verständnis und hat eine bunte, lärmige Videowand hineingestellt, die rund um die Uhr Betrieb simulieren soll.Mehrmals im Monat wird die vornehme, durchaus delikat gestaltete Halle adäquat genutzt, wenn Anwaltssozietäten Jubiläum feiern oder was dergleichen mehr ist.

Die architektonische Qualität der Laden- und Büroräume lockt sicherlich keinen Mieter zusätzlich ins Haus.Immerhin gibt es im Dachgeschoß Räume mit interessanterem Zuschnitt und größeren Geschoßhöhen, die dem australischen Botschafter angemessen schienen, hier seinen Dienstsitz zu nehmen.Über die zum Teil wunderlichen Ecken und arg winkeligen Rigipsbasteleien wird er hinwegsehen müssen.Wirklich "durchdacht" ist der Entwurf wohl doch nur bis Oberkante Erdgeschoß.

Um das angepriesene Weltniveau noch ansatzweise zu erreichen, besorgte man sich nach uramerikanischer Art Monumentalkunst vom Feinsten: Claes Oldenburgs und Coosje van Bruggens überdimensionale Skulptur "House Ball" liegt auf dem Platz vor der Westseite des Johnson-Hauses.Er stellt ein Bündel mit dem Hausrat Vertriebener dar, reflektiert somit ein Berliner Thema und liegt gleich neben einer anderen Reminiszenz an die jüngste Berliner Vergangenheit, dem als Pflasterfigur zu erkennenden Grundriß der ehemaligen Bethlehemkirche, die hier einmal gestanden hat.

Attraktiv für die Mieter ist zweifellos das in Berlin beispiellose Service-Management.Das hauseigene Computernetz des Checkpoint Charlie-Quartiers erfüllt alle Wünsche und Bedürfnisse, ob eine Pizza oder ein Vier-Gänge-Menü geliefert werden soll, ob das Schreibpapier zur Neige geht oder ein Schuhabsatz geklebt werden muß.Haustechnik, Büroeinrichtungswünsche, Reiseorganisation, Buchungsservice, Babysitting, Pflanzenpflege, Konferenzen, Kurierdienst, Internetlinks, alles kann vom Arbeitsplatzcomputer aus organisiert werden.Kostenfreies Telefonieren innerhalb des Checkpoint Charlie und automatische Wahl der günstigsten Telefonverbindung zeichnen das hauseigene Kommunikationssystem aus.Eine Betreuung mit Online-Service, die bares Geld wert ist und einen Vorsprung am Markt sichert.

So ist denn das Haus ein Abbild seiner amerikanischen Herren: professionell geführt, höchst effektiv, technisch innovativ, doch sterbenslangweilig und wenig stilsicher im Outfit.

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