Kultur : Ein Auto ist auch nur ein Mensch

Moritz Schuller

Das Geheimnis, das die kleine Polizeiwache von Statler seit über zwanzig Jahren hütet, steht in Schuppen B. Damals war der alte Buick 8 an einer einsamen Tankstelle aufgetaucht. "Öl ist okay", hatte der Fahrer dem Tankwart noch zugerufen, dann war er spurlos verschwunden. Ungewöhnlich ist dieser Buick mit dem "höhnisch grinsenden Maul voller Chromzähne", wie die Polizisten bald feststellen: Er ist nicht fahrtüchtig, die Knöpfe am Armaturenbrett sind nur Attrappen. Und zerkratzt man den Lack, schließen sich die Ritzen wie von Geisterhand.

Die State Troopers von Statler im westlichen Pennsylvania beschließen, den Wagen aus dem Nirgendwo, diese "Fügung Gottes", für sich zu behalten, auch als der erste von ihnen spurlos verschwindet, und auch, als das erste käsig-weiße Monster aus dem Kofferraum des Buick kriecht. Aus dem augenlosen Gesicht ragt ein Schnabel, und als es im Schuppen verreckt, bildet sich eine Pfütze aus gerinnendem schwarzem Schleim, doch auf der Polizeistation geht das Leben weiter. Über die Jahre gewöhnt man sich an das Ungewöhnliche. Ab und an sinkt im Schuppen die Temperatur, es blitzt, die Haube des Kofferraums öffnet sich und ein weiteres glibbriges Vieh klettert heraus und stirbt kurz darauf. An solchen Tagen fragen sich die Polizisten, was der Buick wohl will, ob er eine "Schleuse zu einer anderen Welt" ist. Oder eine Art Fernseher, der sie beobachtet. Oder ob womöglich der Dritte Weltkrieg im Kofferraum gärt. Alltag in Statler.

Stephen Kings neuer Roman ist eine Sensation. Denn er erscheint in Deutschland, bevor er in Amerika auf den Markt kommt. Dahinter steckt allerdings keine geschickte Vermarktungsstrategie des Bestseller-Autors, der schon vor einiger Zeit damit für Aufsehen sorgte, dass er einen Roman ausschließlich im Internet veröffentlichte. Ursprünglich sollte "Der Buick" weltweit am 15. März erscheinen, doch nach den Anschlägen in New York verschoben Kings Verleger die amerikanische Premiere auf den Herbst. In Deutschland hielt man sich an den Zeitplan - und so erscheint der "neue King" in einer soliden Übersetzung zuerst auf Deutsch.

In Kings Roman "Shining" ist in jenem mittlerweile berühmten verschneiten Hotel von einem Moment auf den anderen nichts mehr wie vorher: Als Jacks Frau feststellt, dass ihr Mann gar keinen Roman schreibt, sondern immer wieder den selben Satz auf Hunderte von Seiten tippt, wird das Grausen publik. Der Buick hingegen ist ein alltägliches Monster, das sich allmählich ins Leben einschleicht und sich nur anfangs mit dem Zeigen der Instrumente begnügt. Von den "Fehlgeburten des Buick" ist bald routiniert die Rede, doch war nicht Curts Frau genau dann schwanger geworden, als Curt das Fledermauswesen sezierte? Und waren dabei nicht Curts Arme mit dem Schleim beschmiert worden, der aus dem "Uterus des toten Wesens gespritzt war"?

Die Polizisten von Statler hüten den Buick, weil er ihnen die Welt erklärt. Jeglicher Horror, da sind sie sich einig, entspringt jener Heckklappe. Dieses Geheimnis ist ihre Welt, in der Curt Wilcox natürlich nicht überfahren worden wäre, wenn er damals nicht mit dem Buick herumexperimentiert hätte. Als Ned, Curts Sohn, den Buick eines Tages unter der Plane entdeckt, erzählen sie im Rückblick die ganze Geschichte, reihum. Auch von jenem schrecklichen Tag, als der Fisch kam.

Gerade diese narrative Dramaturgie, die Mythologisierung einer provinziellen Polizeiwache, zerstört jegliche Hoffnung auf Horror. Wer vom Grusel erzählen kann, hat ihn überlebt. Und so stellt man spätestens nach dem Höhepunkt mit Schrecken fest, dass es Stephen King gar nicht um die Horror-Haube ging. Er wollte vom Buick in uns allen erzählen.

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