Kultur : Ein Auto voller Narren

Schön schrill: die etwas andere Familienkomödie „Little Miss Sunshine“

Christina Tilmann

Geht’s dir schlecht, fühlst du dich hässlich, dick und ungeliebt? Denk an Olive. Klein, pummelig, strähniges Haar, Monsterbrille und durchdringende Stimme. Aber Kandidatin für die „Miss Sunshine“ in Kalifornien. Alles eine Frage des Selbstvertrauens, verkündet der Vater (Greg Kinnear), der gerade ein „FünfSchritte-zum-Erfolg“-Gewinnrezept erfunden hat, das er vermarkten will. Dass es leider nicht so sonderlich erfolgreich ist – einerlei. Hauptsache, man glaubt daran. Selbstvertrauen eben.

An Olive (eine Entdeckung: die 10-jährige Abigail Breslin) glaubt auch der Großvater (Alan Arkin): „Du bist das schönste Mädchen der Welt“, tröstet er Olive und studiert mit ihr eine megacoole Catwalk-Choreografie ein. Dass Olive damit unter all den aufgestylten Barbie-Puppen, die als Miss California kandidieren, etwa so erfolgreich ist wie ein Frosch beim Songcontest, was macht das schon? Einem Großvater zu imponieren, der wegen Heroingenusses und Sexsucht aus dem Altersheim geflogen ist, ist auch eine Kunst. Und keine geringe.

Und dass Bruder Dwayne (Paul Dano), der seit 16 Monaten kein Wort mehr gesprochen hat und für eine Karriere als Kampfpilot übt, obwohl er farbenblind und damit dienstuntauglich ist, für Olive sein Schweigen bricht – ist das nichts? Onkel Frank (der amerikanische Komiker Steve Carell), schwul und suizidgefährdet und unter ständiger Beobachtung, lacht für Olive zum ersten Mal wieder und löffelt mit ihr Schokoladeneis. Selbst die Mutter (Toni Collette), notorisch überfordert mit ihrer chaotischen Familie, überbesorgt, immer ängstlich: Im entscheidenden Moment, als es für Olive um die Wurst geht, und mehr noch, um Freiheit und Glück, lässt sie los. Lässt Olive machen. Man kann die Kinder nicht vor allem beschützen.

Der Plot des Films? Eine chaotische Familie auf unmöglicher Mission, Hunderte von Meilen von New Mexico nach Kalifornien, und immer im Wettlauf gegen die Zeit. Das Geld geht aus, die Nerven liegen blank. Kommt hinzu, dass das Familienvehikel, ein uralter gelber VWBus, seine Macken entwickelt: Die Hupe klemmt, die Bremsen gehen gar nicht, der Anlasser nur mit Schwierigkeiten.

So wie er, ein bisschen zu laut und grell, ist die ganze Familie Hoover, und mit Startschwierigkeiten kämpfen sie alle. Ein Käfig voller Narren und Nervensägen. Bleibt auch schon mal jemand auf der Strecke, zwischendrin. Doch gerade deshalb gerät die Einfahrt auf die Zielgerade so spektakulär, und Olives Auftritt wird zum denkwürdigen Ereignis für die ganze Familie. Merke: „Ein echter Verlierer ist nicht jemand, der nie gewinnt. Ein echter Verlierer ist jemand, der so große Angst davor hat zu gewinnen, dass er es nicht einmal versucht“, sagt Opa Hoover.

„Little Miss Sunshine“, das schrille, hinreißend sarkastische Spielfilmdebüt von Jonathan Dayton und Valerie Faris, war Publikumsliebling in diesem Jahr beim Sundance Festival. Nicht nur, weil er die alte Botschaft „Eine Familie muss zusammenhalten“ noch einmal neu und sehr berührend vorbringt. Nein, er lässt seinen Chaoten ihre Eigenheiten, lässt den Zuschauer über sie lachen und stellt sie doch nie bloß. Und wird sich, im Berliner Winter, auch bei uns zum Hit entwickeln. Geht’s dir schlecht? Fühlst dich hässlich und ungeliebt? Nach diesem Film nicht mehr.

Adria, Babylon Mitte (OmU), Cinemaxx Potsdamer Platz, Cinestar Sony Center (OV), Filmpalast, FT am Friedrichshain, Hackesche Höfe (OmU), Kino in der Kulturbrauerei, Passage, Xenon

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