Kultur : Ein Bett aus Stein und Eisen

When I’m 64: Bob Dylan in der Berliner Arena

Rüdiger Schaper

Es gibt in der Arena Treptow auch Sitzplätze. Aber bei Bob Dylan muss man stehen, schon aus Höflichkeit. Er beginnt Punkt fünf nach Acht, wie immer, da warten noch viele Gemeindemitglieder draußen im einsetzenden Regen auf Einlass. Die Halle aus Backstein und Eisen ist ein architektonischer Widerhall seiner Musik; er spielt hier zum dritten Mal in fünf Jahren. Harter Rock, lautstarker Blues und einige wenige balladeske Ruhezonen. Bob Dylan, der Exzentriker, erscheint auf der Europatour 2005 grundsolide und fragil zugleich. Und bald schon erkennen wir, was uns an diesem Abend zugedacht ist: Auf der nach unten offenen Dylan-Live-Skala wird es ein irdisches Konzert. Nicht unter-, aber keinesfalls überirdisch.

Ein elegant gekleideter älterer Herr wie aus einem Südstaaten-Kostümfilm rezitiert seine Verse, die Weltliteratur sind, umtost von heulenden Gitarren (Stu Kimball, Denny Freeman), gestützt von einem Schlagzeug (George Recile), das wunderbar leicht davonswingen kann. Dylan ohne Gitarre, daran haben wir uns gewöhnt. Er beugt sich über sein E-Piano, als wär’s eine Schreibmaschine, und hackt spärliche Noten in die Luft, wie ausgestanzte Vokale auf dem Papier. Er spricht mehr, als dass er singt, und röchelt mehr, als er spricht. Verhaucht seine berühmten Endreime im Falsett. Säuselt mit der Mundharmonika. Manchmal beißt er zu, schluckt ganze Strophen weg, um sie unzerkaut wieder auszuspucken. Mag sein, dass er irgendwann einmal auf seinen verschlungenen Wegen weg vom Ruhm zum Christentum übertrat. Doch Dylan mit seinem Hut bleibt ein alttestamentarischer Schriftgelehrter, ein jüdischer Strafprediger, und er liest die Leviten.

„Tonight I’ll Be Staying Here With You“: sanfte Drohung nach dem rituellen Opener „Maggie’s Farm“. Ein nahezu klassischer Blues war „Watching The River Flow“ seit eh und je. Hier aber geschieht mit diesem Song etwas, was das Schicksal vieler Dylan-Standards geworden ist in der noch immer nicht verebbenden Flut seiner Tour-Auftritte. Sie haben sich abgeschliffen zu finsterer Größe. Und werden einander immer ähnlicher, so wie man es bei älteren Paaren beobachtet. Es ist ein schmaler Grat zwischen Veredelung und Materialermüdung.

Von apokalyptischer Zerstörung erzählen Dylans schönste Lieder. Und von der Liebe. „Lay Lady Lay“. Die Hymne auf das big brass bed zaubert Ironie und Lächeln in die manchmal unkontrolliert changierende Stimme des 64-Jährigen. Da spricht es aus ihm: „Just Like A Woman“. Zum Heulen zart und weise. Kehlig sind die, die reinen Herzens sind. Da ziehen sich zwei Stunden zu einem Song zusammen, zu einem Vers. Dafür hat sich alles mal wieder gelohnt. Nobody feels any pain. Schmerz und Glück des Wiedersehens.

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