Kultur : Ein bisschen Frieden

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Frederik Hanssen geht der

SchlagerGrand-Prix nicht aus dem Kopf

Was da am Freitag in der Arena in Berlin über die Bühne ging, war eine Kulturrevolution. Ja, man muss es so pathetisch sagen – auch wenn es sich hier „nur“ um einen Schlagerwettbewerb handelt. Doch so hat sich Deutschland bei der Suche nach dem Kandidaten für den european song contest noch nie präsentiert: Locker, offen, weltläufig. Hier war alles erlaubt, prollige Technotruppen, vernuschelter HipHop, putzige Boygroups, Softschnulzen, Independent-Bands – und eben Max. Dass der Gewinner mit der Wunderstimme selber einer Casting-Show entstammt, ist dabei eine ironische Fußnote. Ausgerechnet Stefan Raab, der kalauernde Oberzyniker, hat einen ernsthaften, jungen Mann entdeckt, der wirklich Kunst machen will – und nicht nur Platten verkaufen.

Mit diesem Max kann sich Deutschland beim grand prix wieder sehen lassen, nach all den Jahren, in denen wir hier vorgeführt haben, dass wir nicht nur politisch im Reformstau stecken: Auf die Trotzphase, in der sich Blödelbarden wie Guildo Horn über den verkrusteten Betrieb lustig machten, folgte der konservative roll back. Mit Michelle und Corinna Mey sollte alles so bleiben, wie es nicht mehr sein konnte.

Jetzt aber ist der Ruck vollzogen: Die Schlagerfraktion ist ins Volksmusiklager abgewandert (deren Sendungen sich nur dadurch von der klassischen Hitparade unterscheiden, dass hier auch übergewichtige Interpreten auftreten dürfen). Mit anti-glamourösen Sängern wie Max können wir wieder zur Spitze aufschließen, zu den britischen singersongwirters, den französischen chansonniers und den italienischen cantautori, die wir immer so bewundert haben. Weil jetzt endlich auch in Deutschland wieder Arnold Schönbergs Parole gilt: Kunst kommt nicht von Können, sondern von Müssen.

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