Kultur : Ein Bus fliegt in den Wolkenkratzer

Simone Mahrenholz

Nur an der Oberfläche ist Dominic Senas "Passwort: Swordfish" ein hochgestylter, zynischer und innerhalb der engen Grenzen seines Genres durchaus brillanter Actionthriller. Darunter verhandelt er mit prophetischem Instinkt ein hoch aktuelles und altes philosophisches Problem, das westliche Intellektuelle und Politiker derzeit umtreibt.

Was ist wertvoller, die amerikanische Lebensweise oder amerikanisches Leben? Sind die US-Regierung und ihre Geheimdienste bereit, zur Verteidigung des "American Way of Life" notfalls ebenso viele Leben - nicht nur unschuldiger Afghanen, sondern unschuldiger Amerikaner - aufs Spiel zu setzen, wie der Terror von Bin Ladens Organisation sie forderte? Lautet die Antwort "ja" - und der Film schlägt das als Option durchaus vor -, so geht es nicht mehr um Verteidigung und Vergeltung von Leben und Gut, sondern um den Kampf zweier Glaubenssysteme.

Genau diese Vorahnung artikuliert sich unter der Oberfläche des im Stil eines coolen Werbefilms gedrehten Thrillers nach einem Drehbuch von Skip Woods. Hier ist der islamische Terrorismus allerdings noch das namenlos-abstrakte, nur angedeutete Böse, das jeder Thriller benötigt. Der Film kreist um Gabriel Shear (John Travolta), Agent des geheimen FBI-Ablegers "Black Cell", den FBI-Chef Edgar Hoover in den fünfziger Jahren gegründet hatte, um "Freiheit" und den "American Way of Life" zu schützen. Zu dessen Prinzipien zählte, Anschläge von Terroristen "mit zehnfacher Vergeltung" heimzuzahlen. Zehnfache Vergeltung? Das lässt gegenwärtig aufhorchen.

Shear hat es auf eine ungeheure Summe von Regierungsgeldern abgesehen, die sich durch den unerwarteten Profit von Scheinfirmen angesammelt haben, gegründet zum Kampf gegen Drogenkartelle. Dieses im Internet schlummernde Vermögen will Shear mit Hilfe des Hacker-Genies Stan (Hugh Hackman) anzapfen, den er sich über emotionale Erpressung gefügig macht. Genregemäß spielt auch der exzessiv ausgestellte Sex-Appeal der Undercover-Agentin Ginger (Halle Berry) eine dramaturgische Rolle.

Gabriel Shear alias John Travolta ist das Problem und die zentrale Persönlichkeit des Films: der potente, steinreiche, im Nachtleben Los Angeles residierende, souverän zwischen Held und Anti-Held changierende Ex-Agent, und es ist nebenbei gesagt bemerkenswert, wie brillant Travolta die Ambivalenz seiner Figur allein mit seiner Körpersprache herstellt. Shear verwandelt Geiseln in lebende Sprengkörper, lässt Unschuldige bei einer Explosion in Slow-Motion durch die Luft fliegen und - ja! - gegen Ende des Films zwar kein Flugzeug, aber einen fliegenden Bus in einen Wolkenkratzer rammen. All dies im Interesse der Bekämpfung des internationalen Terrorismus, dessen Vertreter hier nicht zufällig ein "Bin" im Nachnamen trägt.

Sieht man, wie dieser außer Kontrolle geratene Superagent unter hohen Politikern wie Co-Agenten ausschließlich mit den Mitteln von Bestechung und Bestrafung, sprich: Ermordung agiert, wie er jenseits dieser rein pragmatisch orientierten Handlungsoptionen nichts gelten lässt und für seine patriotischen Ziele gleichsam als charismatische Maschine funktioniert, so erschreckt man über den Realismus, den diese Figur unwillkürlich ausstrahlt. Nicht nur ist er am Ende der eigentliche strahlende Held, der Geheimdienst wie Regierung in rein patriotischem Interesse seinen eigenen Regeln unterworfen hat. Vor allem sind gerade die Schwächen des Films, seine Unentschlossenheit und das Wirre des Plots, ein exakter Indikator dafür, dass die binären Orientierungsmargen von Gut und Böse, Freiheit und Terror, Legalität und Verbrechen in Auflösung begriffen sind und nur noch in der Rhetorik der Massenmedien als Orientierungsmaßstäbe auftauchen.

Was folgt daraus? Nicht nur das Pentagon, sondern auch Politiker und Moralphilosophen können von Hollywoods Drehbuchautoren profitieren: als unfreiwillige Lehrmeister in Sachen Realität.

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