Kultur : Ein Film über Hochmut und den Segen der Götter

Eine Staubfahne wälzt sich das Tal hinauf. Die bräunliche Erde wirbelt unter den Hufen einer Yak-Karawane, während die schrillen Schreie der Treiber durch die Luft gellen. Die Kamera befindet sich mitten unter ihnen und nimmt nur schemenhafte Konturen von zotteligen, vorzeitlichen Lastentieren auf, die sich über steile Hänge bewegen. In ihrem schwerfälligen Gang liegt eine erhabene Gleichgültigkeit. Und man begreift: Diese Herde bedeutet Reichtum, Macht.

Auf dem Rücken eines der Hochlandrinder ist der leblose Körper des Karawanenführers festgebunden. Er sei zu Tode gestürzt, heißt es, als er einen gefährlichen Pfad hatte gehen wollen. Doch sein Vater, der Dorfälteste Tinlé, glaubt das nicht. Er wittert ein Komplott und weigert sich, die Karawane dem jungen Karma anzuvertrauen, dem fähigsten Führer und besten Freund seines Sohnes, weil er ihn für dessen Tod verantwortlich macht. Nur er selbst, beteuert der jähzornige alte Mann, sein Enkel oder sein zweiter Sohn wären als Führer berufen. Was hilft es, dass sein Enkel noch ein Kind ist, sein zweiter Sohn Norbou als Lama in einem Kloster lebt und auch er selbst nicht mehr die Kraft besitzt, die Karawane vor dem einsetzenden Winter sicher über die Berge zu geleiten? Was sich dieser ungestüme, verbitterte Mann einmal in den Kopf gesetzt hat, das gilt. Wenigstens für ihn.

Der französische Fotograf und Dokumentarfilmer Eric Valli hat mit "Himalaya" nicht nur seinen ersten Spielfilm, sondern auch so etwas wie den ersten nepalesischen Western gedreht. Die Handlung ist von einer archaischen Schlichtheit, eine Parabel auf Hochmut, Misstrauen, Stolz und den unerbittlichen Kampf gegen die Natur. Deshalb trägt der Film seinen Titel zu Recht. Der Himalaya interessiert Valli nicht als beeindruckende Kulisse - tatsächlich tauchen die scharfkantigen, schneebedeckten Bergriesen gar nicht auf -, sondern als Lebensraum, der den Bewohnern das Äußerste abverlangt, damit sie überleben. Nahezu sämtliche Darsteller entstammen der Dolpo-Region im Nordwesten Nepals, einem Hochplateau jenseits des Dhaulagiri-Massivs, dessen isolierte Lage die uralten tibetanischen Riten und schamanischen Praktiken vor dem Zerfall bewahrt hat. Es ist eine bislang unberührte Kultur, die den Ansturm der Moderne offenbar nicht fürchten muss.

Die Schauspieler standen zum ersten Mal vor der Kamera. Was dem Film ungeachtet seiner visuellen, farbenfrohen Opulenz eine spröde Direktheit verleiht. Das Duell zwischen dem jungen Karma und dem alten Tinlé wird nicht durch psychologische Schattierungen bestimmt. Vielmehr zeichnet Valli den idealtypischen Konflikt einer patriarchalen Gemeinschaft, in der die Jungen gegen die Alten und ihren Aberglauben aufbegehren, während die Alten nicht hinnehmen wollen, dass sie verdrängt werden. Die alte Geschichte.

Doch darunter verläuft eine andere, tiefere Konfliktlinie. Als Karma, von Tinlé kaltherzig zurückgewiesen, sich auch dem Urteil der Götter widersetzt und eigenmächtig mit einer Salz-Karawane aufbricht, trommelt der Alte seine greisen Weggefährten zusammen, um ihn einzuholen. Er kann die Sache nicht auf sich beruhen lassen. Darin ist der starrsinnige Mann seinem Kontrahenten ebenbürtig. Aber es gibt eine Zärtlichkeit und Anmut in Vallis Film, die sie beide entmachtet. Es sind die Blicke und stummen Gesten der Frauen, die ihren Kummer hinter liebevollen Berührungen verbergen, oder die sanften Worte des Lamas, der seinem unbelehrbaren Vater die nötige Milde abtrotzt. So findet in diesem wundervollen, metaphorischen Abenteuerfilm letztlich alles zueinander. Ein berührendes Erlebnis für die ganze Familie. KAI MÜLLER

In Berlin in den Kinos Broadway, Filmkunst 66, FT am Friedrichshain und York

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