Kultur : Ein ganzer Monat Weltverachtung

KATRIN HILLGRUBER

"Zwischen Haß und Bewunderung zerstören sich fast alle Menschen", schrieb Thomas Bernhard in "Der Keller", einem Plädoyer für die Gleichgültigkeit.Gleichgültigkeit war das letzte, was sein Werk und sein Tod am 12.Februar 1989 auslösten, vor allem in Österreich, in dem seine Stücke laut Testament nicht aufgeführt werden dürfen.Eine Kopie von Thomas Bernhards letztem Willen ist jetzt auch im Haus des Deutschen Bundestags Unter den Linden zu sehen - diese Koinzidenz hätte ihm gefallen können.Eine kurzfristige Zusage der Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth, für die sich Ulrich Schreiber im Namen der Peter-Weiss-Stiftung ausdrücklich bedankte, hatte der Fotoausstellung "Thomas Bernhard in seiner Welt" von Erika und Wieland Schmied ihren reizvoll prosaischen Ort beschert: der Schriftsteller in Lederhosen, entspannt in der Hängematte liegend, im Hintergrund die Granittreppe des Bundestagshauses.In einem Nebenraum sind Gemälde von Klaus Zylla ausgestellt, unmittelbare Reflexionen zu Bernhardschen Sentenzen, etwa eine Gouache zu "Alte Meister" mit einem lustvoll selbstquälerischen Zitat als Titel: "Gleich, welches Kunstwerk, es kann lächerlich gemacht werden."

In Anlehnung an die Bernhardsche Prägnanz richtet die Peter-Weiss-Stiftung für Kunst und Politik unter dem Titel "Thomas Bernhard.eine einschärfung" den ganzen September über eine fast unübersehbare Fülle an Veranstaltungen aus: Zwei Ausstellungen, ein Begleitbuch, Lesungen, ein Gespräch über den politischen Autor , Theateraufführungen, eine Filmreihe sowie eine "Lange Nacht" am 19.Das alles umrahmt den Kongreß "Thomas Bernhard und die Weltliteratur.Intertextualität, internationale Rezeption und kulturelle Perspektiven" vom 16.bis 20.September im Literaturhaus Berlin, das bislang größte Symposium zu Bernhards Werk.Die Zeit scheint reif dafür, und Berlin bietet sich als in puncto Bernhard "neutraler" Ort vor dem Eintreffen Claus Peymanns am Berliner Ensemble für diese Bestandsaufnahme an.

Wieland Schmied, der Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, erinnerte sich in seiner Rede an den "wohl außerordentlichsten Menschen", dem er je begegnet sei.Bernhard sei in erster Linie ein Naturforscher gewesen, der, mit größter Nüchternheit ausgestattet, die Natur des Menschen unbarmherziger und ausführlicher als je zuvor ergründet habe.Die höchste Perfektion, das habe er immer gewußt, sei nur im Tod zu erreichen.25 Jahre lang waren die Schmieds Nachbarn von Bernhards Vierkanthof in Obernathal.Den Titel "Bauer zu Nathal" schmückte nicht nur die Traktoren, sondern wurde auch in seinen Paß eingetragen.Der österreichische Ausdruck "Realität" für Grundstück hatte für ihn als "einen, der schreibt" ("Dichter" wollte er nicht sein) eine Bedeutung im Wortsinn.

Schmied ging auf die Illusion als Antrieb für Bernhards Haussuche seit den fünfziger Jahren ein, die Sehnsucht des Lungenkranken nach dem Landleben, die sich allmählich in Ablehnung verwandelte: "Die Häuser wurden ihm zu Kerkern, was ihm gleichzeitig einen Schreibzwang auferlegte, um sich über den Kerker schreibend aus ihm zu befreien." Am Sonnabend wird im Literaturhaus die zweite Fotoausstellung eröffnet: Portraits von Sepp Dreisinger.Wieder wird Roland Schäfer die Bernhardsche Weltverachtung intonieren, er liest aus dem "Anti-Hymnus" "Frost".

Ausstellung "Thomas Bernhard in seiner Welt" bis 27.9.im Deutschen Bundestag, Unter den Linden 50, täglich 15-21 Uhr.

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