Kultur : Ein Gespenst namens Mama

Verschwörung der Frauen: Pedro Almodóvars Melo-Komödie „Volver“ mit Penélope Cruz

Christiane Peitz

Diese Küsse. Sie sind anders als das, was unsereins zur Begrüßung mit der lieben Verwandtschaft so austauscht. Und immer gleich vier, fünf, sechs hintereinander. Malocherinnen-Küsse, StaccatoKüsse, regelrechte Kuss-Salven: Serien von kleinen, trockenen, trotzig platzierten Explosionen. So küssen Frauen, die das Leben nicht gerade verwöhnt.

Diese Frauen. Penélope Cruz! Carmen Maura!! Anders als gewöhnliche Diven im Kino kommen sie ziemlich gewöhnlich daher. Sie tragen Kittelschürze oder Wollrock (kariert), Strickjacke mit Lochmuster und blickdichte Nylon-Kniestrümpfe. Sie schlagen sich durch mit Gelegenheits-Putzjobs und schuften rund um die Uhr, während der Nichtsnutz von Gatte sich zu Hause an der Bierflasche festhält. Und wenn sie sich ausruhen, futtern sie Schmalzkringel – auch wenn das nicht gut für den Cholesterinspiegel ist.

Diese Gegend. Madrid sieht ziemlich kleinbürgerlich aus in diesem Film, mit unscheinbaren Straßenecken, hässlichen Häusern, billigem Mobiliar. Spaniens Hauptstadt, ein schäbiger Kiez. Und La Mancha, diese zerzauste, verdurstete, karstige Ebene wird auch nicht reizvoller, bloß weil ein paar Windräder darin herumstehen. Ein Horizont, der keine Zukunft verheißt. Der Ostwind, heißt es, hat hier schon manchen um den Verstand gebracht. Wenigstens schweißt der Aberglaube im Dorf die Bewohner zusammen.

Wenn Pedro Almodóvar mit „Volver“ in sein Heimatdorf in La Mancha zurückkehrt – „volver“ heißt zurückkehren –, frönt er nicht gerade der Nostalgie. Vielmehr huldigt er ganz unromantisch dem Pragmatismus der Frauen und erweist der Generation seiner Mutter und seiner Großmutter genauso die Ehre wie den Frauen von heute. Also krempelt die wunderschöne Raimunda (Penélope Cruz) die Ärmel hoch, lindert in der Stadt die Nöte der pubertierenden Tochter und betreibt eine Kneipe samt Catering für eine Film-Crew, während sie auf dem Land die verwirrte, dick bebrillte Tante versorgt. Raimundas Schwester Sole (Lola Dueñas) plagt sich derweil mit Mama herum. Bei der Totenwache schwatzen die Dorf-Alten in ihren strengschwarzen Kleidern fröhlich durcheinander, und die Jüngeren gesellen sich einfach dazu.

Almodóvars Frauen, man kennt das schon, sind Komplizinnen der Realität. Hart im Nehmen, unerschrocken im Austeilen, Königinnen der Straße, Lügenbaroninnen der lebenspraktischen Art. Sie sind einfach nicht kleinzukriegen. Und die Männer? Saufen sich die Hucke voll, glänzen durch Abwesenheit, blicken nicht durch oder taugen gleich gar nichts, wenn sie nach der eigenen Tochter grabschen. Noch als Leiche in der Tiefkühltruhe machen sie Ärger, verringern sie doch den fürs Catering nötigen Stauraum.

Dass das Enfant Terrible des spanischen Kinos die Frauen abgöttisch liebt, weiß die Filmwelt spätestens seit „Alles über meine Mutter“. Und erst recht, seit das gesamte Frauen-Ensemble von „Volver“ – Penélope Cruz, Carmen Maura, Lola Dueñas, Blanca Portillo, Yohana Cobo und Chus Lampreave – dieses Jahr in Cannes mit dem Darstellerinnen-Preis ausgezeichnet wurde. Aber Almodóvars Neigung zum Underground, zum Radikalen, zum Schrillen ist sanfteren Tönen gewichen. Am Rande des Nervenzusammenbruchs hält sich keine mehr länger auf, denn bei soviel Arbeit bleibt für Hysterie schlicht keine Zeit.

Obwohl: Eigentlich geht es doch wieder ziemlich fantastisch zu. Denn erstens lässt sich an einem Schauplatz wie La Mancha das Übersinnliche kaum vermeiden. Und zweitens kann Almodóvar bei allem neuen Realismus seinen Faible für schmachtende Telenovelas partout nicht verbergen. Und drittens steckt der Aberglaube jedem, der Filme macht, ohnehin in den Knochen. Mit Geistererscheinungen hat Almodóvar keine Probleme.

Die alte Mutter Irene (Carmen Maura mit Mut zur Hässlichkeit) ist nämlich längst tot: vor Jahren bei einem Brand ums Leben gekommen. Jetzt spukt sie in das Leben der Töchter hinein und nervt als Gespenst. Sie hat noch eine Schuld zu begleichen, deshalb kann sie sich das Totsein nicht leisten, klettert eines Nachts aus dem Kofferraum und haust als blinder Passagier bei Tochter Sole in Madrid. Dort liegt sie unterm Bett, wenn Tochter Raimunda aufkreuzt, und macht sich durch Fürze bemerkbar. Carmen Maura, die Göttliche, lässt Winde fahren!

Schon verrückt, wie Almodóvar das Schöne mit dem Schnöden in Einklang bringt und den Zauber des Kinos mit der entzauberten Wirklichkeit vermählt. Immerhin geht es um Missbrauch, Inzest und Arbeitslosigkeit, um den harten Alltag der Sandwich-Generation, um Trauer und Trauma, Sterben und Tod. Almodóvar schenkt sich nichts. Und doch sitzt ihm der Schalk im Nacken. Wenn schon Geistererscheinung, dann bitte mit Verdauungsproblemen! Wenn schon Gemüsehäckseln, dann bitte mit großzügigem Dekolleté! Zumal, der Regisseur betont es gerne, Penélope Cruz „eines der spektakulärsten Dekolletés des Weltkinos“ besitzt. Beim Kneipenfest erhebt sie ihre Stimme (in Wahrheit die der Sängerin Estrella Morente), singt ein heiseres, herzzerreißendes Lied und ist zu Tränen gerührt.

Das mit den Tränen wird dann doch zum Problem. Feuchte Frauenaugen, zumal die von Penélope Cruz, wirken verführerischer als trockene. Weshalb Raimunda im letzten Filmdrittel unentwegt nahe am Wasser baut, auf dass ihr Weinen den Zuschauer anstecken möge. Man fühlt sich gegängelt – was der Verführung bekanntlich abträglich ist. Und man ist enttäuscht, wie simpel sich die mysteriöse Erscheinung des Mama-Gespensts den Gesetzen der Physik am Ende fügt.

Seltsam auch, dass Almodóvar, der Farbenmagier und Komponist des Hyperrealen, diesmal so wenige Szenen zu eindrücklichen Bildern verdichtet. Die Küchenspüle aus der Vogelperspektive, das blutige Messer, der Retrolook, okay. Aber sonst bleibt alles so hübsch, so flüchtig, so ungefähr. Drama und Farce, Gewalt und Zärtlichkeit, Glamour und Maloche: Almodóvar probt die Versöhnung der Gegensätze. Eine Bildersprache findet er dafür nicht. Jedenfalls nichts, was sich festsetzt im Kopf.

Nur der Wind von La Mancha, wie er zu den Vorspann-Titeln das Laub über den Dorffriedhof weht und kein Erbarmen kennt mit den Gräber putzenden und Marmor wienernden Frauen, mit dieser Sisyphos-Arbeit aller Frauen aus allen Epochen der Menschheitsgeschichte – diese schier endlose Kamerafahrt gleich zu Beginn bringt einen schier um den Verstand.

Ab Donnerstag im Capitol, Cinemaxx Potsdamer Platz, Cinestar Tegel, Delphi, International, Kino in der Kulturbrauerei, Yorck. OmU: Hackesche Höfe, Neues Off

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