Kultur : Ein Häuslein steht im Walde

SYBILL MAHLKE

Ein "Freischütz" gerahmt von Geweihen und Kruzifixen: "Ich bin vertraut mit jenem Grausen, das Mitternacht im Walde webt", lügt der vom Glück verlassene Jägerbursche Max sich in die Tasche.Denn er lebt in einer Zeit, in der die romantische Poesie des Waldes noch einer ererbten Angst vor dem Unheimlichen abgerungen ist.Die gesellschaftlichen Verhältnisse aber sind so, daß dieser Max ein Ausgegrenzter ist, weil er eine Pechsträhne hat, weil er, sonst ein Meisterschütze, nicht mehr trifft und in einer Schicksalhandlung steht, deren magere Moral die Unzulässigkeit einer Prüfungsmethode ist.Er wird von den Bauern ausgelacht, während andere feiern wie in Bayern: da hier all diese "Traditionen wie Schützenfeste, Vereinsrituale und Staatsjagden - ob zu Ehren eines Fürsten oder von Stoiber, ist wurscht - noch lebendig sind, lag nichts näher, als den Freischütz in einem Kunstbayern zu lokalisieren", meint der Regisseur Thomas Langhoff.

Daß es im realen Bayern, in Münchens Nationaltheater, nach der Premiere hoch her geht, dürfte auch mit außerkünstlerischem Gründen zu tun haben.Ein Theaterkrach ist dem "Freischütz" vorausgegangen: schwer entwirrbar, wer der "Starsängerin" Cheryl Studer, die für die Agathe vorgesehen war, als erster sein Mißfallen ausgedrückt hat, ob der Intendant Peter Jonas oder der Regisseur Thomas Langhoff.Es scheint, als solle die junge Sängerin Petra-Maria Schnitzer für die Umbesetzung büßen.Schließlich trägt ihre sehr intensive und stimmlich liebliche Interpretation der Rolle den Sieg davon, und überhaupt verwandelt sich nach Buh-Rufen hier und da das ganze Theater in einen Jubel.

Ein Häuslein steht im Walde, einmal sogar auf einem Eck, wenn der Spuk der Wolfsschlucht den imaginären Raum aus den Fugen hebt.Einsame Menschen leben in der Hütte zwischen hohen schwarzen Tannenwipfeln."Sei doch nicht so hastig", wehrt Agathe ihren Bräutigam ab, dessen Einsamkeit der Regisseur mit der Heinrich von Kleists vergleicht.Einmal wird die Braut vorgeführt, vor dem Bauernschrank mit der gestapelten Menge ihrer Aussteuerwäsche stehend, wie ein Pokal, den nur ein Sieger erringen kann.Max ist ein Verlierer.Ein großer Wurf, wie bei der "Verkauften Braut", gelingt Langhoff hier nicht.Im Jägerleben mit seinen Schießereien und Tierkadavern lauert auf der Bühne unfreiwillige Komik.Laut plumpst der Steinadler auf die Bretter.

Aber wie das Waldhaus sich dreht (die atmosphärische Ausstattung stammt wiederum von Jürgen Rose), gibt es Einblick in die Sehnsüchte der Menschen, die Gefühle, die in Webers Musik aufklingen.Agathe lebt im Schutz der weißen Rosen, die ihr der Eremit vor Beginn der Opernhandlung geschenkt hat.Eine Kinderhochzeit marschiert über die Bühne.Die Männer prügeln sich, die Frauen kennen die Geschichte vom Probeschuß, die der Erbförster Kuno erzählt, offenbar seit Menschengedenken auswendig, so daß sie in die Rede chorisch einfallen.Ein sensibler Kunstgriff der Regie, der Lebenswahrheit für sich in Anspruch nehmen kann und den elend langen, aber inhaltlich nötigen Monolog eines zum Aufsagen verurteilten Sängers angenehm verkürzt.Die Frauen neigen zum Knien und Beten, weil ihr Naturgefühl im Sinn des "Freischütz"-Zeitgenossen Eichendorff auf Gewißheit der Gottesnähe baut.Sternklar geht die Nacht aus der Dämmerung hervor mit großem Vollmond, bevor seine Scheibe sich in der Schreckensschlucht trübt und das Gestein sich mit Spuk und Fabeltieren zu einer Art Gespensterzirkus belebt.Samiel (Jörg Hube) dirigiert den schwarzen Kugelsegen auf dem Hausdach.Dann vertreibt ein Abbild des Gekreuzigten, von Max gegen die Wolfsschlucht gehalten, die Finsternis.

Blackout des Orchesters.Im nebeligen Morgengrauen erscheint ein Jagdzug mit kapitalem Hirsch.Agathe steht, "die Sonne bleibt am Himmelszelt", vor ihrem Bauernbett mit roten Kissen, bis die Brautjungfern es weiß beziehen.Langhoff hält die "Jungfernkranz"-Szene damit beiläufig und klein, läßt neben den vier Mädchen die erwachsenen Frauen in Schwarz mitsingen.Die Braut schmückt sich, Ännchen hilft.Agathe wird das weiße Kleid, von Anfang an auf der Schneiderpuppe gegenwärtig, wieder ausziehen müssen, wenn Max seine Untat mit den Freikugeln beichtet.Ihm steht das unwürdige "Probejahr" bevor, das Fürst und Kirchenmann halbherzig diktiert haben, und, wie es scheint, die Geliebte ferner denn je.Das Scheusal Kaspar aber, das mitleidlos in die Wolfsschlucht geworfen wird, Samiels Teufelsbeute, ist in Gestalt Ekkehard Wlaschihas - famos als des Basses Urelement gesungen - weniger geniale Dämonie als selbst ein armer Teufel: die Urangst läßt ihn nicht aus, er tänzelt sich etwas vor.In romantischem Denken ein Sinnbild des "Absoluten", hat der Eremit an Macht verloren.Auf Bildtafeln stellt Max eine Mater dolorosa vor das verlassene, verhinderte Hochzeitshaus.

Musikalische Lichtgestalt ist Dorothea Röschmann in der Ännchen-Rolle: Als junge Verwandte beim Erzförster ständig mit Hausarbeit beschäftigt, trägt sie mit ihrem Singen die Reinheit des Engels."Mich faßt Verzweiflung": Peter Seiffert singt den Max so tenoral glänzend wie rührend, wenn er "Agathes Liebesblick" wie ferne Erinnerung aufblühen läßt.Bis in kleinere Rollen hat der Dirigent Zubin Mehta eine handverlesene Besetzung vor sich, darin Martin Gantner als Fürst Ottokar und Jan-Hendrik Rootering als Eremit.Stimmt der Chor der Bayerischen Staatsoper zwar in seinen Tempovorstellungen nicht immer mit denen der musikalischen Leitung überein, gibt er dennoch, was die Partitur fordert: Masse mit Persönlichkeitsstruktur.Das Adagio der Ouvertüre hat bei Mehta crescendierende Spannung, die Hörneroper dann im folgenden eher Brillanz als Geheimnis.Dabei sorgt das Bayerische Staatsorchester für feine Unisono-Wirkungen, für das Mitsprechen der Mittelstimmen und Bässe, für edle Begleitung der Kavatine "Und ob die Wolke sie verhülle", ferner in Aufgaben der Soloklarinette, der Solobratsche und der kleinen Flöten für individuelle Momente erfüllter Farbwerte.

Man bringt die Kinder in der Dämmerung nach Hause, walzende Paare verlieren sich in der Nacht, der Jägerchor enträt des Deutsch-Militanten, da er mit einem Jongleur kombiniert wird: Auch wo die Naivität des Werkes schwer erträglich ist, versucht die Inszenierung, von Menschen und ihren Sorgen zu erzählen - der Musik zuliebe.

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