Kultur : Ein Herz und ein Sparkassenbuch

KOMISCHE OPER Barrie Kosky inszeniert „Die sieben Todsünden“ mit Dagmar Manzel als Anna I und II.

UWE FRIEDRICH

Anna I und Anna II sind Schwestern, aber eigentlich eine einzige Person, haben sie doch „ein Herz und ein Sparkassenbuch“. Ursprünglich hatte der Komponist Kurt Weill das Werk allerdings für zwei Darstellerinnen konzipiert, eine Sängerin und eine Tänzerin. Die Gründe waren ebenso naheliegend wie pragmatisch: Weill und sein Textdichter Bert Brecht wollten Anfang 1933 im Pariser Exil ein neues Werk auf die Bühne bringen und brauchten dringend Geld. Edward James hatte das Geld und eine tanzende Ehefrau. So kamen die Komponistengattin Lotte Lenya und die Produzentengattin Tilly Losch zu einem gemeinsamen Erfolgsstück. Dagmar Manzel wird allerdings beide Rollen spielen, weil sie und der Regisseur Barrie Kosky „Die sieben Todsünden des Kleinbürgertums“ als die Lebensbeichte einer gebrochenen Frau verstehen, die in einem inneren Monolog ihre Geschichte erzählt.

„Ich wollte gerade dieses Werk immer schon auf der Bühne singen und darstellen“, erzählt Manzel. „Als Schauspielerin habe ich nie Lieder von Kurt Weill gesungen. In meiner Zeit am Deutschen Theater war ich nicht in der ’Dreigroschenoper’ und auch sonst hat sich das nie ergeben. Ich besaß aber die klassischen Aufnahmen der ’Sieben Todsünden’, mit Lotte Lenya und mit Gisela May. Das Stück hat mich schon immer fasziniert und es hat sich fast von selber ergeben, das jetzt mit Barrie Kosky gemeinsam zu erarbeiten.“ Seit die Schauspielerin mit dem designierten Intendanten der Komischen Oper Cole Porters Musical „Kiss Me. Kate“ auf die Bühne gebracht hat, verbindet die beiden eine tiefe Vertrautheit. Sie haben ein ähnliches Verständnis von anspruchsvollem Unterhaltungstheater, verehren dieselben Künstlerinnen der Vergangenheit und wollen in der Zukunft anknüpfen an die große Zeit der frechen und anzüglichen Revuen, die etwa mit dem Namen Fritzi Massary verbunden sind.

Barrie Kosky kommt aus dem Schwärmen gar nicht heraus, wenn von Dagmar Manzel die Rede ist: „Wir machen eine One-Woman-Show. Die Bühne wird leer sein, kein Bühnenbild, keine Requisiten. Nur Dagmar. Und das wird garantiert nicht langweilig. Sie hält jeden im Bann, weil sie unglaublich facettenreich ist.“ Nur mit den „Sieben Todsünden“ wäre das Vergnügen allerdings recht kurz. Um die Geschichte vom Hausbau in Philadelphia in einen Rahmen zu stellen, haben Kosky und Manzel sieben weitere Songs aus allen Schaffensphasen Kurt Weills ausgesucht. „Ob in Deutschland, Frankreich oder schließlich in Amerika, Kurt Weill ist einer der besten deutschen Liedkomponisten. Für mich steht er gleichberechtigt neben Schubert, Schumann, Wolf und Strauss. Auch wenn einige Musikwissenschaftler das anders sehen“, sagt Kosky. „Die Songs sind sozusagen Postkarten, die Nummern der ’Sieben Todsünden’ sind die Briefe der Anna. In Dagmar Manzels Interpretation könnte das Stück auch von Samuel Beckett stammen. Ganz ähnlich wie Winnie in ’Glückliche Tage’ erzählt sie unbekümmert aus ihrem Leben und redet sich um Kopf und Kragen.“

Zerbrechlich und doch stark, so sieht Dagmar Manzel die Figur der Anna. Indem sie über ihre Erfahrungen redet, kann sie sich auch von ihrem früheren Leben verabschieden. „ Eigentlich sind die Todsünden, von denen im Stück die Rede ist, gar keine. Ihre Familie pervertiert die Ideale der bürgerlichen Gesellschaft, weil für sie der Profit über allem steht. Anna will einfach nur leben und sich in ihrer Kunst verwirklichen, aber die Familie verhindert das. ‚Nütze die Jugend nicht, denn sie vergeht’ ruft die Familie ihr zu. Das ist doch schrecklich! Hier wird ein Mensch zur permanenten Unterordnung abgerichtet.“ Ob Annas Kraft für ein neues Leben fernab der familiären Zumutungen reichen wird, bleibt noch offen. Aber dass Manzel den Abend zum Ereignis machen wird, da ist sich Barrie Kosky schon jetzt ganz sicher. UWE FRIEDRICH

Premiere 12.2., 19 Uhr

Weitere Vorstellung 22.2., 19.30 Uhr

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