Kultur : Ein Himmel voller Geigen

Ewige Liebe: Anna Netrebko, Rolando Villazón und Placido Domingo in der Berliner Waldbühne

Christiane Tewinkel

Gewitterpause. Kurz nach acht. Da tritt in der Berliner Waldbühne der Veranstalter Peter Schwenkow auf die Bühne: Das Publikum, das jetzt einigermaßen trocken sitzt, möge aber Stoßgebete gen Himmel senden, bitte nicht noch mehr Regen! 20 000 Menschen könne Petrus doch nicht überhören. Da wird zum ersten Mal gelacht im Waldbühnenrund. Und womöglich auch gebetet. Und tatsächlich wird es dunkel-klar gemischt bleiben, an diesem Abend, regenlos und ein ganz bisschen schwül. Und diese nicht-hü-nicht-hott-Stimmung des dunkel vertupften Himmels, dies Pseudo-Geklärte, Abgeregnete und doch nicht Frische gibt den vollkommenen Rahmen ab für ein Musikereignis der Sonderklasse.

Angela Merkel bleibt zwar fern, und auch der spanische König. Aber hier steigt Günther Netzer eben die Treppen hoch, die Familie im Schlepptau. Von rechts schreitet blond die Begum heran. Veronica Ferres ist gekommen und Mario Adorf, Wowereit und Pflüger, Karl-Heinz Rummenigge, Barbara Becker und Verteidigungsminister Jung. Längst überziehen Fernsehscheinwerfer die Ränge wie ein wunderlicher Sommernebel. Hoch oben in der Luft hängt an Seilen eine Kamera, die die Waldbühne stechmückenmäßig überfliegt. Filzquadrate des Großsponsors, klitschnass vom Regen, bedecken die Bänke. In zigtausenden Publikumshänden stecken dazu passend hellblaue Leuchtstifte, mit denen später eifrig gewunken werden wird.

Jene Klänge aber, die man kurz vor Beginn in den Hainen ringsum hört, dieses dunkle Summen und Brummen und plötzliche Koloraturen, sollte das etwa die Netrebko sein, die sich nun einsingt und dabei belauscht wird? Ach nein. Auch das ist bloß der Werbeclip des Sponsors, der ab und an über die Leinwandflächen an den Seiten der Bühne läuft und in dem Anna Netrebko mit einem Mobiltelefon spielt. Doch da geht es schon los im pastellfarbenen, sternenbehimmelten Bühnenrund. Die Vorgruppe tritt auf. Das heißt, es gibt gar keine Vorgruppe. Es spielt vielmehr das Orchester der Deutschen Oper unter Marco Armiliato, und zwar die Ouvertüre zu Verdis „Nabucco“.

Doch weil dies ein sonderbares, denkwürdiges Klassikereignis ist, fängt man schon an, obwohl ringsum noch reges Treiben herrscht: Spätankommen und Dabei-Gefilmtwerden, Plätzesuchen, Begrüßen, Plaudern und Warten. Außerdem tönt das Orchester flach und ungeschickt verstärkt. Die Geigen scheppern, die Innenstimmen klingen breiig. Und Armiliato hat sicher schon glücklicher geschlagen – immer wieder klappert ihm sein Ensemble davon. Es macht aber nichts. Denn nun kommt er auf die Bühne. Er. Der große Placido Domingo. Der Vater des Dreisänger-Giga-Genres. Offenen Hemdes, dreitagebärtig und lebenserfahren, ein alter Fischer im Gewand des Stars. Und singt Cileas „Lamento di Federico“, mit einer Stimme, die sticht und brennt und noch immer viel Kraft hat. Schnell, schnell, das Fernsehen will mit, Domingo ab, Netrebko auf. Nachgerade ängstlich lächelnd, in lila Seide (später in Rot) und Perlengeschmeide (später Diamanten), das Haar arrangiert wie in einem Hollywoodfilm der Fünfziger. Puccinis „O mio babbino caro“. Und die Netrebko gibt von der ersten Sekunde an alles, mit kühlem, messingfarbenen Sopran, der spitz nach oben abschwirrt. Beißt in die Töne wie in einen Apfel, allerliebst und zauberhaft. Tief darf man ihr auf den Großbildleinwänden in den Rachen schauen. Können aus einem solchen Wesen unschöne Melodien kommen? Nein.

Und wenn Netrebko später im Terzett Léhars „Dein ist mein ganzes Herz“ singt – ah!, oh!, raunt es vorab im Publikum, als der Titel angesagt wird –, das ist hinreißend in seiner Puckhaftigkeit und Großäugigkeit und ungeheuer naiv vorgetäuschten Naivität: „Wenn sie (die Blume) nicht küsst / der Sonnenschein“, da weiß man wieder gar nicht, ob das nun dumm ist oder einfach nur Kult der absoluten Supersonderklasse. Und mit Massenets „Parais, astre de mon ciel!“ erscheint auch endlich Rolando Villazón. Der ausgeruht klingt, bei aller Tenoralität herb und lebendig und biegsam. Natürlich ist. Oder doch zumindest so tut. Und sich aufrichtig freut, dass sich alle so freuen.

In sein „Júrame“ nach der Pause, die wegen befürchteter neuer Regengüsse nur wenige Minuten dauerte, wird das Publikum begeistert applaudierend einfallen, die Kulisse für die Fernsehübertragung in zahlreiche Länder. Und dann erst, mit den Zugaben, als Villazón es bestürmt und ihm klatschend einheizt, hört man, dass hier 20 000 Menschen sitzen. Klassik ist auch Pop, aber doch kein Rock.

Doch so weit sind wir noch nicht. Noch herrscht Ehrfurcht vor der Sangeskunst. Bald nach Villazóns Auftritt setzen die zahlreichen echten und arrangierten Duette und Terzette des Abends ein. Das Liebesduett aus Verdis „Otello“, mit Domingo und Netrebko und Hautkontakt und Kuschelphasen. Der schöne, heiße Léharsche Liebesschmachtfetzen, bei dem sie sich zu dritt musikalisch aneinanderschmiegen. „O soave fanciulla“ aus der „Bohème“, mit Netrebko und Villazón, in das die Russin einfällt wie eine Sopran-Sirene; fast andächtig lässt sich das Publikum die akrobatischen Spitzentöne gefallen. Und ganz zum Schluss, bei den Zugaben, schauen sogar die guten alten Tanten Ironie und Spontaneität um die Ecke. Denn da singen die drei nochmals den Léhar, und die Männer tun, als ob sie beide der Frau Netrebko den Kopf verdrehen wollen.

Da wird zum zweiten Mal gelacht im Waldbühnenrund. Und endlich, endlich finden sie alle zusammen: Die Klassik. Der Pop. Die Promis. Die hellblauen Sponsorenlichter. Das Publikum. Und die Musik blinzelt hinein, die, die lebt und klingt und atmet und in die Seele fährt und mitunter sogar in die Beine.

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