Kultur : Ein Instrument des Führers

Kurt Schilde

Der erkennbare Einfluss des Nationalsozialismus auf die Deutsche Reichspost begann am 24. April 1933. An diesem Tag wurde das Buchstabieren von jüdischen Namen bei der telefonischen Übermittlung von Telegrammen untersagt. Zehn Jahre später fand "wegen der in Judenvierteln ständig herrschenden Seuchengefahr" keine Postzustellung mehr in Lodz statt. Diese und viele weitere Beispiele dokumentieren Wolfgang Lotz und Gerd R. Ueberschär in ihrem hervorragenden Einblick in die organisatorischen Strukturen der Deutschen Reichspost.

Adolf Hitler kannte den 1937 ernannten Postminister Wilhelm Ohnesorge - NSDAP-Mitglied seit 1920 - sehr gut. Durch ihn wurde die Post zu einem "jederzeit zuverlässigen Instrument in der Hand des Führers". Allein für den Abdruck des Hitler-Bildes auf Postwertzeichen flossen ihm 20 Millionen Reichsmark zu. Der Minister und seine Beamten wirkten am Holocaust mit. Ein Beispiel: Als die Reichspost im Dezember 1940 den jüdischen Deutschen die Fernsprechanschlüsse entzog, mussten die Briefzusteller der monatlichen Fernmelderechnungen die Namen und "Judenwohnungen" überprüfen und dabei entdeckte "jüdische Telefonanschlüsse" melden. Zweifellos erwies sich die Mehrheit der Belegschaft als nazifiziert oder tat gedankenlos ihre "Pflicht". Postbedienstete, die Kontakte zu Verfolgten aufrechterhielten, bildeten die Ausnahme und hatten mit Dienststrafverfahren und Entlassung zu rechnen.

Das Post- und Fernmeldewesen funktionierte bis in die letzten Kriegstage. Von den zu Beginn der NS-Herrschaft insgesamt 350 000 Bediensteten verloren aus politischen und rassistischen Gründen 7000 Beamte, 100 Angestellte und 2000 Arbeiter ihren Arbeitsplatz. An ihre Stelle traten 1500 "alte Kämpfer". Insgesamt kamen bis 1937 über 30000 "verdiente Nationalsozialisten" bei der Reichspost unter.

Aus Treue zum Regime fälschte die Post während des Krieges sogar Briefmarken, um gegnerische Bevölkerungen zu verunsichern. Die Posteinrichtungen bewachte ein bewaffneter Postschutz, der korporativ in die Allgemeine SS integriert war. Auch mit solchen "postalischen" Beiträgen zeigte sich die Post bis in die letzte Kriegsphase als zuverlässige Vollstreckerin nationalsozialistischer Politik.Wolfgang Lotz, Gerd R. Ueberschär: Die Deutsche Reichspost 1933-1945. Eine politische Verwaltungsgeschichte (zwei Bände). Nicolai, Berlin 1999. 799 Seiten. 128 DM.

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