Ein Kanzler im Medienwechsel : Bismarcks Mixtape

Dass Bismarck plötzlich spricht, ist eine Sensation. Was er spricht, ist indes eher kurios als denkwürdig. Und gibt doch zu denken: darüber, wie neue Medien wahrgenommen werden. Ein Exkurs.

von
Alles neu. Plötzlich kann man Bismarck, dessen Hamburger Denkmal hier gereinigt wird, auch hören.
Alles neu. Plötzlich kann man Bismarck, dessen Hamburger Denkmal hier gereinigt wird, auch hören.Foto: dpa

Man wüsste gern, was den Mann bewegte: War es tatsächlich Humor oder die grandiose Unterschätzung dessen, was er da vor sich hatte? Oder hielt Bismarck das einfach für angemessen: die Rezitation als eine dem Politiker zugängliche Kunstform, der Vortrag selbst als ein Gruß aus dem Reich in die USA und in das jüngst besiegte Nachbarland Frankreich? Bereitete er sich akribisch auf seinen „Auftritt“ vor dem Walzen-Phonographen vor oder redete er aus dem Stegreif? Egal, was es war, dass den Reichskanzler davon abbrachte, sich nicht - wie nach Expertenaussagen vorbereitet - mit einer Rede politisch zu äußern, sondern mit genau dieser Performance in die Geschichte der Tonaufzeichnung einzugehen: Es lässt nun, bald 125 Jahre später, in jedem Fall aufhorchen. Dass Bismarck den Nachgeborenen ein krudes Mixtape mit gesprochenen Fragmenten aus Corpsliedern, (internationaler) Folklore, Marseillaise und einem Ratschlag an den Sohn vermachte, das erscheint – nun, da es entdeckt und eine Sensation ist – auch und vor allem eins: komisch.

Video
Otto von Bismarck
Otto von Bismarck, Friedrichsruh, 7. Oktober 1889

Über das Verhältnis der Menschen des vorvorigen Jahrhunderts zu den ständigen medialen Neuerungen in ihrer Lebenswelt ist viel geschrieben worden. Dass dabei (etwa im Werk Walter Benjamins) Geräte zur Tonaufzeichnung zunächst deutlich weniger im Mittelpunkt standen als Fotografie und Film, mag auch an Performances wie denen Bismarcks gelegen haben. Nicht, dass man die Neuerung nicht für spektakulär befunden hätte, das dokumentiert die ebenfalls aufgetauchte Tonspur des Helmuth von Moltke: „Der Phonograph ermöglicht, dass ein Mann, der schon lange im Grabe ruht, noch einmal seine Stimme erhebt und die Gegenwart begrüßt“, konstatierte der ganz richtig. Im Gegensatz zur Fotografie, die nahezu direkt nach ihrer Erfindung in Konkurrenz zumindest zur Porträtmalerei tritt, beschreibt das freilich eher die Eigenheiten einer Kuriosität. Und tatsächlich: Viel mehr als Grüße und ein Faust-Zitat, das in diesem Kontext eindeutig als Misstrauensbekundung gegenüber dem mechanischen Widerpart gewertet werden muss, wurde dann auch Moltke nicht los. „Ihr Instrumente spottet mein/Mit Rad und Kämmen, Walz’ und Bügel:/Ich stand am Thor, ihr solltet Schlüssel sein;/Zwar euer Bart ist Kraus, doch hebt ihr nicht die Riegel.“

Gerade die jetzt aufgetauchten Tondokumente zeigen eins recht deutlich: Außer Musikern wussten seinerzeit offenbar nur wenige, spontan etwas mit der Möglichkeit anzufangen, Töne aufzuzeichnen. Angesichts der Klangqualität der Walzen, die zwar direkt nach der Aufzeichnung besser als heute, aber immer noch mies gewesen sein dürfte, ist das auch nur zu verständlich. Allen auch nur ansatzweise lyrischen oder bedeutungsvollen Umtrieben schnitt der ächzende Phonograph das Wort ab. Gerade zu Anfang verzeichnete er auf so stoische wie dürftige Art und Weise verrauschte, lebensferne Frequenzen – ein Umstand, den auch der kürzlich verstorbene Medientheoretiker Friedrich Kittler zum Thema machte: Es sei kein Zufall gewesen, konstatierte der in seinem „Grammophon, Film, Typewriter“, dass am Ende Thomas Edison und nicht der eigentliche erste Erfinder des Phonographen, der Pariser Bohémien Charles Cros, das Gerät schließlich zur Serienreife brachte. Denn: Während der eine, Cros, später dichtend von „voix aimées“, geliebten Stimmen, und den „reve musical de l’heure trop brève“, dem Musiktraum allzu kurzer Stunde, schrieb, die es festzuhalten gälte, brüllte der andere bei seinen ersten Aufzeichnungsversuchen zunächst ein „Hulloo“ ins Mundstück und kreischte wenig später das Kinderlied „Mary had a little lamb“. Das hatte, wie Kittler trocken und richtig bemerkte, eins wie das andere denkbar wenig mit geliebten Stimmen und musikalischen Träumen zu tun.

13 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben