Kultur : Ein Kartenhaus

Berlins mächtige Besucherorganisationen haben Federn gelassen – trotzdem feiern sie dieser Tage ihr Jubiläum

Henrike Thomsen

Otto ist tot. Ausgerechnet im Jubiläumsjahr des Berliner Theaterclubs, den Otfried Laur 1967 gründete, hat er sterben müssen. Aber auf der Jubiläums-DVD lebt er weiter, zusammen mit Harald Juhnke und Brigitte Mira. Und auf den T-Shirts und Regenschirmen des Vereins, der seinen Mitgliedern vergünstigte Karten für Schauspiel, Oper, Musical, Kleinkunst und Konzerte verschafft, bleibt Otto, ein prächtiger roter Papagei, das Maskottchen des Theaterclubs. So lange dieser weiterlebt.

Denn die einst mächtigen Besucherorganisationen Berlins sind in der Krise, auch wenn sie in diesen Tagen feiern: 40 Jahre Theaterclub, 60 Jahre Freie Volksbühne. Die Indizien des Verfalls sind nicht zu übersehen: Überalterung, Mitgliederschwund, überfordertes Management, schlechte Werbung, Verlust öffentlicher Subventionen für die Kartenkontingente und eine Entfremdung dieses langjährigen Quasi-Abonnentenstamms von dem Regietheater führten sie an den Rand der Existenzfähigkeit. Ich frage mich, was hat einmal ihren Reiz ausgemacht? Wie konnte es dazu kommen, dass den vier Berliner Vereinen in den vergangenen 40 Jahren zwei Drittel ihres Publikums abhanden kamen, so dass sie nur noch 53 000 Mitglieder zählen?

Tragisch ist der Fall der Freien Volksbühne Berlin (FVB). Mit einem eigenen Theaterprogramm, Intendanten wie Erwin Piscator und Kurt Hübner und einem eigenen Haus in der Schaperstraße, dem heutigen Sitz der Berliner Festspiele, hat sie Kulturgeschichte geschrieben. Die Besucherorganisation zählte in den sechziger Jahren 120 000 Mitglieder und war derart marktbeherrschend, dass neue Theater wie die Schaubühne einen Prozess anstrengten, um in das Programmangebot aufgenommen zu werden. Heute zählt die FVB 6000 Mitglieder. Nur der Besucherring mit 2500 Treuen ist kleiner. Der Theaterclub ist am größten mit 31 000, gefolgt von der Theatergemeinde mit 13 500.

Joachim Gribach ist so etwas wie das FVB-Maskottchen. Seit 1947 ist er dabei und hilft mir, das Phänomen der Besucherorganisationen besser zu verstehen. „Ich ging mit 17 Jahren in Ostberlin zu den sozialistischen ‚Falken'. Dort wurde für die Freie Volksbühne geworben. Die Linke hatte sich damals Bildungspolitik ja groß auf die Fahnen geschrieben“, erinnert er sich, ein feingliederiger weißhaarige Rentner von heute 77 Jahren. Der Sohn eines Polizisten begann damals gerade eine Verwaltungslehre beim Senat. In einer Gruppe von zwölf jungen Leuten begann er regelmäßig ins Theater zu gehen. „Man konnte sich die Vorstellungen nicht aussuchen. Im Foyer des Theaters stand ein FVB-Mitarbeiter mit einem großen Lostopf, aus dem wir unsere Sitzkarten zogen. Das hat uns nicht gestört. Wir waren begierig auf jede Auseinandersetzung, die uns weiterbrachte“, sagt er mir. Gribachs zwei Schwestern waren auch dabei und fanden in der Gruppe ihre Ehemänner. Sonst verbrachte der spätere Bezirks- und Landtagsabgeordnete der SPD Zehlendorf seine Zeit vor allem mit Sport und in Sozialverbänden.

Es waren demnach nicht nur die hochkulturellen Sternstunden, die eine Mitgliedschaft in den Besucherorganisationen so attraktiv machten – das vermitteln auch Gespräche mit anderen Veteranen. Es war das Vereinsleben und das Familiengefühl, wie man es auch in Fußball-Fanclubs oder Skatrunden, in Parteien und Gewerkschaften haben kann. Der Stolz, dass man einen jungen Sänger namens Max Raabe im Berliner Schlittschuhclub erlebte, ehe alle Welt ihn kannte. Dass man bei einem Werkstattgespräch im Berliner Ensemble einen Brief von Peter Handke in die Hand gedrückt bekam, und zwar von Claus Peymann.

Joachim Gribach geht immer noch ins Theater, aber seltener. „Es gibt so viel Blut und Krawalle“, sagt er. Viele aus seinem alten Kreis haben dem Theater und der FVB den Rücken gekehrt. Der wirtschaftliche Anteil der Besucherorganisationen folgt diesem Trend und ist an den großen Häusern deutlich zurückgegangen, obwohl das alte Zuteilungsprinzip längst der freien Wahl von einzelnen Inszenierungen oder Spezialpaketen gewichen ist. Auch setzt man verstärkt auf zusätzliche Angebote wie Künstlergespräche und Publikumspreise. Die Schaubühne verkauft über die Organisationen heute weiger als zehn Prozent ihres Kontingents, das Deutschen Theater etwa zwölf Prozent. Nur im Renaissance-Theater, den Bühnen am Kurfürstendamm stellen sie rund ein Viertel der Zuschauer. Angesichts dieser geschmacklichen Orientierung ist das Urteil von Schaubühnen-Direktor Jürgen Schitthelm nachvollziehbar. „Nach meinem Eindruck ist das Publikum der Besucherorganisationen sehr konstant geblieben. Eher kleinbürgerliche, in Ehren ergraute Sozialdemokraten und Gewerkschafter. Das ist auch in Ordnung. Aber es ist ein Publikum, das sich immer mit Neuem schwer tat“, sagt er.

Ist das das Ende der Geschichte? Die Theatergemeinde meldet in diesem Jahr erstmals wieder leichte Zuwachsraten und ein sinkendes Durchschnittsalter. Man habe versucht, dem Lebensstil und den Bedürfnissen der neuen Generation entgegenzukommen, erklärt mir der Geschäftsführer Martin Holländer. Das Angebot umfasse auch Rabatte in Kino und Restaurants, man setzte auf „optimalen Kulturservice“. Doch Joachim Gribach seufzt: „Bei den jungen Leuten findet man kaum offene Ohren. Ich konnte nicht einmal meine beiden Söhne vom Eintritt überzeugen. Das ist bitter.“

Gala der Freien Volksbühne, morgen ab 14 Uhr im Deutschen Theater. Der Festball „40 Jahre Berliner Theaterclub“ findet am 3. November statt, ab 20 Uhr im Palais am Funkturm, offen auch für Nichtmitglieder.

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