Kultur : Ein Paradies in der realen Welt

KLAUS HAMMER

Retrospektive des Bauhauskünstlers T.Lux Feininger in der Moritzburg HalleVON KLAUS HAMMER1932 verließ er, der gebürtige Berliner, Deutschland, wanderte vier Jahre später von Paris nach New York aus und sollte - abgesehen von kurzen Aufenthalten - nie mehr in seine Heimat zurückkehren.Sein Vater, Lyonel Feininger, selbst Lehrer am Bauhaus Weimar seit dessen Gründung 1919, hatte ihm, nach dem Gymnasialbesuch in Weimar und einem kurzen, aber nachhaltigen Aufenthalt an der Internatsschule in Hellerau, das Studium am inzwischen nach Dessau umgesiedelten Bauhaus empfohlen.Schon bald darauf war T.Lux Feininger mit seinen dem Neuen Sehen verpflichteten Fotografien aufgefallen, von denen 1931 das Museum of Modern Art in New York eine ganze Kollektion ankaufte.Aber auch als Maler machte er bereits in eigenen Ausstellungen auf sich aufmerksam. Feininger zeigte in Serien immer wieder das gleiche Motiv: Marine-Bilder.Damit wollte er verdeutlichen, daß sein Thema nicht die Ansicht selbst war, sondern der Akt des Sehens, das Erlebnis von fester Form und fließender Farbe.Neusachlichkeit verbindet sich hier mit einem magischen Realismus; der Künstler suchte hinter der sichtbaren Welt eine überwirkliche Erfahrung: er will den Betrachter förmlich in das Bild hineinziehen.Man soll hineinfallen, wie man in einen Spiegel fällt. Gegenwärtig haben Feiningers Konjunktur.An vielen Orten wird der Künstlerfamilie gedacht.Gerade hat die Hamburger Kunsthalle ihre große Grafik-Schau Lyonel Feiningers beendet, die nun nach Tübingen weitergeht.In wenigen Wochen werden seine Gemälde in der Nationalgalerie Berlin und dann auch in der Bayerischen Staatsgemäldesammlung München gezeigt.Das Berliner Bauhaus-Archiv stellt noch bis 1.Juni Fotografien des älteren Sohnes Andreas Feininger vor.Als dritter im Bunde wird in der Moritzburg Halle der jüngere Sohn T.Lux Feininger mit einer Retrospektive gewürdigt.Sie kommt einer Wiederentdeckung des heute 87jährigen Bauhauskünstlers gleich, aus dessen Besitz auch die Mehrzahl der über hundert Leihgaben stammen.Nach mehr als sechzig Jahren stellt Feininger wieder in Europa aus und bietet manche Überraschungen und Irritationen. Auch er strebte - wie sein Vater - nach der letzten endgültigen Form, die seine innere Vision am reinsten wiedergeben sollte.Aber nicht Kontinuität und Stetigkeit, sondern Zäsuren, Brüche und Polaritäten prägen das Werk des Sohnes.Zunächst scheint sich mit der Übersiedlung nach Amerika sein Thema nicht geändert zu haben - an die Stelle der Segelschiffe und Überseedampfer sind jetzt nur die amerikanischen Flußdampfer und Eisenbahnen getreten.Doch in der Auseinandersetzung mit dem Deutschland-Thema kommt es bald zu einem Symbolismus, der auf persönlich gefundenen Metaphern aufbaut.Seine figurenreichen Szenen - halb Traum, halb Realität - baut der Maler wie Max Beckmann in einen Bühnenkasten ein, den er übernah vor den Betrachter rückt.Durch die Doppelbödigkeit des Geschehens, durch die gespielte und im Spiel vertauschbare Wirklichkeit kann jede Szene für andere Inhalte stehen.Bewußt geht der Künstler einer Festlegung aus dem Weg. Mögen Feiningers Ausflüge nun ins Surreale oder später auch ins Konstruktivistische und Kubistische gehen, immer liegen den anvisierten Themen exakte, gegenständliche Studien, die aus dem Biologie-Lehrbuch zu stammen scheinen (so zum Thema Schlangen und Reptilien), oder geometrische Konstruktionen zugrunde.Sie überträgt er dann in kubistischen Bewegungsrhythmen auf die Tierwelt seiner "Afrikanischen Landschaften" und auf die Serie seiner Schlangen-Bilder.Das Objekt - die Schlange - faltet sich in ein facettierendes Strukturprinzip auseinander.Gemalt wird also nicht das Gesehene, sondern das durch Analyse der Grundformen Erkannte.Doch was der Künstler an Bedeutung in die geometrisch-abstrakten Bilder, die als Kompositionen sehr schön sind, hineinlegen wollte, erscheint uns heute eher esoterisch und ein wenig naiv, weil wir keine Beziehung mehr haben zum theosophischen Kontext, aus dem sie entstanden. Seit den siebziger Jahren hat Feininger mit der Lichtbox oder aus Versandhauskatalogen und Wochenzeitschriften schablonenähnliche Figuren collagenhaft zusammengesetzt oder frei gestaltet.Er pauste Vorder- und Rückseite einer Zeichnung nebeneinander auf das gleiche Papier - und es entstand das Gemälde "Zwei Akte", das den Gestalten einen neuen Funktions- und Sinnbezug gibt.Was ist hier Zufall und was Kausalität? Feininger fügt Buchstaben und Schriftzeichen in die Kompositionen ein, läßt die Figuren schimärenhaft der Fläche entsteigen oder als Schattenrisse gegenübertreten, fügt fast briefmarkengroße beziehungslose Fragmente zur Szene zusammen. Aus seinem "Erinnerungsarchiv" holt er visionäre Bilder von Kindheit und Jugend und deutscher Landschaft hervor.Der Einfluß des Bauhauses (Schlemmers Figurinen, Kandinskys Farbflecke) ist hier spürbar, aber auch der Vergleich mit den Découpages, den "Scherenschnitten" des späten Matisse bietet sich an.Dabei sind dem heute in Cambridge, Massachusetts, lebenden Künstler stets der anekdotischer Inhalt und eine wenn auch nicht restlos ausdeutbare Sinngebung, die er durch den "gesteuerten" Zufall erreicht, wichtig.Indem man sie aus dem gewohnten Zusammenhang nimmt und in anderen Zusammenhängen überraschend wieder auftauchen läßt, erfahren die Dinge eine Zwiegesichtigkeit.So kann sich Kunst einen eigenen lustvollen Freiraum schaffen, ein Paradies, wenn auch nur als Enklave innerhalb der realen Welt. Staatliche Galerie Moritzburg, Halle bis 14.Juni.Katalog 30 Mark.

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