Ein Portal für E.T.A. Hoffmann : Gemütslage: exzentrisch

Die Staatbibliothek zu Berlin widmet dem künstlerischen Tausendsassa E.T.A. Hoffmann ein Online-Portal.

Alter Ego. Selbstbildnis E.T.A. Hoffmanns als Kapellmeister Johannes Kreisler.
Alter Ego. Selbstbildnis E.T.A. Hoffmanns als Kapellmeister Johannes Kreisler.Foto: Staatsbibliothek Berlin

Er ist alles andere als ein Vergessener – und doch ein hartnäckig Ungeliebter. E.T.A. Hoffmann gilt heute als verwegene Leidenschaft. Verglichen mit seinem Zeitgenossen Jean Paul, dem anderen romantischen Großironiker, ist er zweite Wahl, und dass Arno Schmidt, der Spezialist für sprachliche Sonderlinge, beide in hohen Ehren hielt, gehört zu den Empfehlungen eines untergegangenen Literaturzeitalters. Dabei wusste Hoffmann selbst, wie er andere verstören konnte. „Dass es zuweilen etwas exzentrisch in meinem Gehirnkasten zugeht, darüber freue ich mich eben nicht beim Besinnen“, schrieb er an seinen „trauten lieben einzigen Freund“, den preußischen Beamten, Aufklärer und Schriftsteller Theodor von Hippel. „Dies Exzentrische setzt mich offenbar herunter in den Augen aller, die um mich sind – und Leute, die alles in Nummern teilen und apothekerartig behandeln, möchten mir manchmal ihren orthodoxen Krummholz um den Hals werfen.“

Die Überspanntheit störte schon Jean Paul. Für Hoffmanns Debütband „Fantasiestücke in Callots Manier“ (1814), der auch das berühmte Schauermärchen „Der goldne Topf“ enthält, spendierte er auf Bitten des Verlegers noch eine Vorrede, in der es heißt: „In seiner dunkeln Kammer bewegen sich an den Wänden heftig und farbenecht die koketten Kleister- und Essigaale der Kunst gegeneinander und beschreiben schnalzend ihre Kreise. In rein ironischer und launiger Verkleinerung sind die ekeln Kunstliebeleien mit Künsten und Kunstliebhabern zugleich gemalt; der Umriss ist scharf, die Farben sind warm, und das Ganze voll Seele und Freiheit.“ Doch in den Folgejahren wuchs die Distanz beiderseits in Siebenmeilenschritten, und 1820 stellte Jean Paul unmissverständlich fest, Hoffmann sei „eine abwärts sinkende Sonne, die bei ihrem Aufgang kulminiert hat“.

Dem darf man getrost widersprechen, auch wenn sich nicht leugnen lässt, dass die Schatten, die E.T.A. Hoffmann (1776 – 1822) ins 21. Jahrhundert wirft, kürzer und kürzer werden. Rüdiger Safranski widmete dem „skeptischen Phantasten“ 1984 noch einmal eine schöne Biografie. In den Schulen stehen gerade noch die Kriminalnovelle „Das Fräulein von Scuderi“ oder die schwarze Erzählung „Der Sandmann“ über die besessene Liebe zu einer hölzernen Automatenfrau auf dem Lehrplan. Für sein vielschichtigstes Werk, die „Lebensansichten des Katers Murr nebst fragmentarischer Biografie des Kapellmeisters Johann Kreisler“, erwärmt sich kaum noch jemand. Entsprechend klein ist die Zahl derer, die zu seinem Grab auf dem Friedhof Jerusalem III am Mehringdamm wallfahrten. Immerhin könnte man seiner dort als jenes Tausendsassas gedenken, der, wie die Inschrift festhält, „ausgezeichnet im Amte, als Dichter, als Tonkünstler, als Maler“ war.

Eine einzigartige Fundgrube

Die Aufgabe, Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann, der seinen dritten Vornamen aus Verehrung für Mozart gegen Amadeus eintauschte, in all seinen Facetten lebendig zu halten, übernimmt seit 2016 das stetig wachsende E.T.A.-Hoffmann-Portal (etahoffmann.net) der Berliner Staatsbibliothek. Ob man Hoffmann als Berliner Kammergerichtsrat, als Zeichner und Karikaturisten, als Bamberger Kapellmeister, eigenwilligen Komponisten oder Schriftsteller kennenlernen will: Das aus dem Nachlass der Hoffmann-Forscherin Christa Karoli finanzierte Portal bietet eine Vielzahl digitalisierter Autografen und flankiert sie mit Essays und Informationen zu Leben, Werk und Rezeption. Am 12. Dezember um 17.30 Uhr wird die Betaversion im Rahmen eines Festakts mit Ingo Schulze im Haus am Potsdamer Platz auf die Vollversion umgestellt (Anmeldung über die Website).

Das Portal ist eine einzigartige Fundgrube, aber seiner äußeren Aufgeräumtheit zum Trotz ein Verhau, der weder den Ansprüchen von Wissenschaftlern noch denen von Lesern gerecht wird. Die einen müssen ohne Volltextsuche leben, die anderen mit Werkausgaben in Frakturschrift, die sich nicht einmal herunterladen lassen. Und wer nach bestimmten Aspekten wie dem Hoffmann zugeschriebenen erotischen Roman „Schwester Monika“ forscht, bleibt in der Bibliografie stecken. Sei’s drum: Auch dieses Allerlei bewahrt etwas von seinem Geist.

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