Kultur : Ein Schritt auf auf der Stelle

Jörg Königsdorf

Bach selbst hätte seine Heimatstadt wahrscheinlich mit dem Bibelwort "Die letzten werden die ersten sein" getröstet. Die letzten, weil es bis 1999 gedauert hatte, bis sich Leipzig zu einem Bach-Festival entschloss. Und die ersten, weil trotz des knapp verfehlten Wunschziels von 40 000 Besuchern das am letzten Wochenende zu Ende gegangene vierte Bachfest deutlich gemacht hat, dass Leipzig künftig in der ersten Festivalklasse mitspielen wird. Besonders ehrgeizig war die Vorgabe, die der künstlerische Leiter und Thomaskantor Georg Christoph Biller in diesem Jahr gesetzt hatte: Mit 70 Veranstaltungen und einem Etat von 1,25 Millionen Euro sollte die Größenordnung des Jubiläums-Bachjahrs 2000 angepeilt werden.

Gekommen sind letztendlich 38 500 Bachpilger, was die Veranstalter leicht betrübt, am Erfolg letztlich jedoch kaum etwas ändert. Denn die Idee eines Bachfestivals am Originalschauplatz, einer Matthäuspassion in der Thomaskirche, besitzt nicht nur auf Laienchorsänger von Osaka bis Kapstadt eine geradezu magnetische Auziehungskraft. Nach den zerstobenen Blütenträumen vom Wiedererstehen der Handelsmetropole ist wohl auch den Stadtvätern klar geworden, dass Leipzig seinen Platz in Europa nur als Kulturstadt findet - ein Erkenntnisprozess, den der Rest der Region längst durchgemacht hat: Die Händelstadt Halle, die Barockstadt Dresden, die Thüringischen Residenzen, sie alle ziehen ihr Selbstwertgefühl aus ihrer Kulturtradition - und vor allem aus ihrer Bedeutung für die Musikgeschichte.

Das Leipziger Programm reichte in diesem Jahr von französischer Barockoper über Honeggers neoklassizistische "Sinfonie liturgique" mit dem Gewandhausorchester bis zu einem Konzert des Jazzers Joachim Kühn Im Zentrum freilich stand, wie immer, die Frage nach dem wahren Bach - nach dem Stand der historischen Aufführungspraxis ebenso wie nach Kompromisslösungen aus Tradition und Musikwissenschaft. Dass ausgerechnet das Abschlusskonzert, die h-moll-Messe mit dem französischen Ensemble Baroque de Limoges unter dem Cellisten Christophe Coin und dem RIAS-Kammerchor, nicht eben aufregende Antworten formulieren konnte, zeigt, dass das letzte Wort hier noch nicht gesprochen ist: Während Coins Bemühen um (französische?) Leichtigkeit und flüssige Tempi vor allem zu einer Nivellierung der Ausdruckskontraste führte, zeigte sich sein Originalklang-Ensemble vor allem bei den hochvirtuosen Instrumentalsoli überfordert - der Rückgriff auf Naturhörner und -Trompeten bestand den Live-Test in der akustisch überraschend klaren Thomaskirche nicht.

Wesentlich interessanter war da schon, was der Kölner Christoph Spering am Vorabend zu bieten hatte: Mit seinem Chorus Musicus und seinem Ensemble "Das neue Orchester" gehört Spering zu den spannendsten Musikern der Alte-Musik-Szene und hat in den letzten Jahren packende, sehr stilbewusste Aufnahmen vor allem romantischer Chorwerke auch auf CD eingespielt. Sein Plädoyer für Luigi Cherubinis klassizistisches c-Moll-Requiem von 1816 gerät nicht weniger faszinierend. Spering versteht die Musik des "Medea"-Komponisten ganz vom Text her, gestaltet mit seinem grandios farbkräftigen, präzisen Chor bis in kleinste agogisch-deklamatorische Nuancenhinein und macht jede Instrumentalfarbe als kalkulierte Akzentuierung der dramatischen Situation in Cherubinis Licht- und Schattendramaturgie hörbar.

Vom nächsten Jahr an werden Thomanerchef Biller übrigens zwei Klassik-Experten zur Seite stehen: Elmar Weingarten, Ex-Intendant der Berliner Philharmoniker, und der Bachforscher Christoph Wolff, der in Kiew das Berliner Singakademie-Archiv wiederentdeckte, welches heute in der Berliner Philharmonie offiziell von Außenminister Joschka Fischer an den Chor übergeben wird..

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