Kultur : "Ein Sommer auf dem Lande": Dieses Licht! - Ein Film von Jean Becker

Kerstin Decker

Alle Länder werden gleich, sagt man, eingemeindet in die westlich-amerikanische Einheitskultur. Kühl, schnell, etwas ironisch, sehr individualistisch, markenbewusst. Und völlig untragisch. Eine Aufzählung wie ein Vorwurf. Und das macht uns gleich noch ironischer, individualistischer und untragischer. Aber stimmt denn das? Über eine Million Tschechen (es gibt nur verhältnismäßig wenig Tschechen im Vergleich zu uns) wollten im letzten Jahr einen sagenhaft langsamen, unamerikanischen, unironischen Film sehen, in dem ganz bestimmt nicht ein einziges vernünftiges Konsumgut vorkam, und wenn doch, dann war es nicht vorteilhaft beleuchtet: "Die Rückkehr des Idioten", seit kurzem auch bei uns im Kino.

Und jetzt kommt "Ein Sommer auf dem Lande". Über zwei Millionen Franzosen wollten diesen gänzlich unamerikanischen, unindividualistischen, unironischen, dafür sehr melodramatischen Film im letzten Jahr sehen. Der zweiterfolgreichste Film nach "Asterix" in Frankreich! Allerdings: "Asterix"-Erfolge braucht man nicht zu erklären. Asterix sind wir selbst. Asterix kann man aushalten, vielleicht. Aber - und nun kommt das Furchtbare - "Ein Sommer auf dem Lande" nicht.

Der Film besteht, wie der Titel nicht zu verschweigen bereit ist, aus einem schön fotografierten, ausgezeichnet ausgeleuchteten Sommer auf dem Lande. Wenn es Preise gäbe für die Beleuchtung von Sommern - Jean Beckers Film (Kamera: Jean-Marie Dreujou) hätte ihn verdient.

Das weitere Urteil überlassen wir, schon wegen seines überparteiischen Standpunkts, dem Presseheft. Und weil es sich der Atmosphäre von "Ein Sommer auf dem Lande" vollständig hinzugeben vermochte: "Nach diesem Film ... wird man spontan den Wunsch nach einem Picknick im Grünen verspüren, mit frischem Brot und gutem französischen Landwein." Was das Presseheft nicht wissen konnte: Was, wenn uns nun ein Picknick im Grünen, frisches Brot und sogar guter französischer Landwein so lange verleidet sind, bis wir diesen Film wieder vergessen haben?

Zwei Freunde leben in der Nähe einer kleinen französischen Stadt "im Sumpf", in den Marais. Im Frühjahr pflücken sie Maiglöckchen, im Sommer sammeln sie Weinbergschnecken und im Herbst Frösche. Sie haben kein Geld, "aber dafür etwas viel Kostbareres: ihre Freiheit". In der nahen Stadt wohnt ein reicher Fabrikbesitzer, der einst auch aus dem Sumpf kam und jetzt öfter zurück geht. "Man muss sich nicht schämen, dass man reich ist", sagt er. "Ich war nie so reich wie hier im Sumpf." Aus solchen Sätzen und hervorragend ausgeleuchteten Sommergesichtern besteht der Film. Und man denkt immerzu: zwei Millionen Franzosen! Nur manchmal werden alle ganz ernst. Wenn der Fabrikbesitzer zurück muss in die Kälte seiner bürgerlichen Existenz oder ein zweiter dandyhaft-wohlhabender Freund der Moor-Freunde nach Hause geht in das entfremdete Leben der Stadt.

Am Schluss wird die Moorlandschaft trocken gelegt und ein großes Einkaufszentrum darauf gebaut. Warum sehen wir das jetzt mit einer gewissen Schadenfreude, wo doch Moorlandschaften wirklich viel, viel schöner sind als Einkaufszentren?

"Ein Sommer auf dem Lande" ist eine Parabel über das unentfremdete Leben. Viele große Männer haben schon über das unentfremdete Leben nachgedacht. Seltsamerweise, denn ist nicht das Denken die höchste aller Entfremdungen? Darum darf man im unentfremdeten Zustand auch nicht mehr denken. Nicht, dass es so sehr schade wäre ums Denken. Aber die Menschen sprechen trotzdem weiter! Müssten sie, endlich unentfremdet, nicht wieder stumm werden? Nur das hätte "Ein Sommer auf dem Lande" retten können.

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