Kultur : Ein Spaziergang durch den Blues

Johannes Völz

Zu Beginn steht ein Trommelschlag. Keine halbe Sekunde lang, und doch verheerend: Glas birst, Scherben durchtrennen die Zeit, jede Bewegung gefriert. Nichts geht mehr, für diesen einen Moment. Da rafft sich der Bass auf, gewinnt die Linke am Klavier als Partner. Gemeinsam ziehen sie sich hinauf zur Oktave, doch sie rutschen ab, fallen bis zum Tritonus. Versuchen es von Neuem, wieder und wieder, gefangen in einer Endlosschleife. Verflixte Zeit: Erst steht sie still, dann dreht sie sich im Kreis.

"Blau grün grau" nennt die Pianistin Julia Hülsmann dieses Stück, mit dem sie vor einem Jahr ihre erste CD "Trio" (BIT-Verlag) eröffnete. Das Zerren der Zeit beschreibt sie als Spiel der Malerei - Paul Klee hat sie die Komposition gewidmet, als "Spaziergang durch den Blues und andere Farben". Farben und Zeit, Harmonik und Rhythmus: bei Julia Hülsmann gibt es das eine nicht ohne das andere. So ausbalanciert klingt diese Musik, dabei so weich eingebettet in die Tradition moderner Jazz-Trios von Tommy Flanagan bis Bill Evans, dass man erst bei genauerem Hinhören die kleinen Dramen zwischen den drei Instrumenten bemerkt. Die Nuancierungen machen Julia Hülsmanns Trio mit Marc Muellbauer am Bass und Rainer Winch am Schlagzeug zu einer der subtilsten Jazzcombos Berlins.

Um Nuancen geht es immer bei Julia Hülsmann. Man sucht nach ihnen, selbst wenn sie eilig das Café betritt, wenn sie die Hand schüttelt und kurz dabei lacht. Sie hat ein Gesicht, das sich nach innen richtet. Wie ihre Musik. Dabei wird schon nach den ersten Sätzen deutlich, dass die gebürtige Bonnerin nicht eine Spur introvertiert ist - wie sie Fragmente verwirft, präzisiert, festhält. "Es ist mir sehr wichtig, dass ich für die Leute spiele", sagt sie. "Und: Dass das bei ihnen im besten Fall ein Gefühl auslöst. So. Also am liebsten ein Wohlgefühl. Ja". "So" und "ja", das sind die Sprossen auf der Gedanken-Strickleiter der 33-Jährigen. So kommt sie in Schwung, spricht zunehmend schneller. "Mir ist eine warme Musik wichtig", sagt sie. In Zeiten, in denen man nichts Neues mehr erfinden kann, gehe es nicht darum, "alles irgendwie modernistisch auseinander zu brechen". Viele Jazzmusiker strengen sich trotzdem an, eine immer komplexere Improvisationssprache zu finden. Da müssen die Rhythmen über ihre eigenen Beine stolpern, die Harmonien zusammengestückelt werden wie verschiedenfarbige Socken. "Zu kalt" ist dieser Ansatz Julia Hülsmann. "Bei der Musik, die ich schreibe, geht es um eine Melodie. Ganz profan."

Die Innovationswut, gegen die sich Hülsmann richtet, ist auch ein europäisches Phänomen. Das macht deutlich, dass sie ein gespaltenes Verhältnis zu den amerikanischen und europäischen Anteilen am Jazz hat. Vor zwei Jahren hat sie gemeinsam mit Marc Muellbauer einen Monat in New York verbracht, um bei der Big-Band-Leiterin Maria Schneider und dem Pianisten Richie Beirach Unterricht zu nehmen. "Ein totaler Tritt in den Hintern", sagt sie. Die Konkurrenz in New York spornte sie an. Den treibenden Puls der Großstadt höre man dem amerikanischen Jazz an. Trotzdem glaubt sie an einen "europäischen Jazz", hält ihn für die interessantere Variante, da sich dessen Harmonik auf die europäische Klassik beziehe. "Neu ist das natürlich auch nicht", sagt sie, "aber inzwischen bevorzugen diesen Ansatz auch viele Amerikaner."

Im Herbst wird Julia Hülsmann ihre zweite Trio-CD veröffentlichen, darauf erneut hauptsächlich Eigenkompositionen. Außerdem will sie mit der norwegischen Sängerin Rebekka Bkken Vertonungen des amerikanischen Dichters E. E. Cummings aufnehmen. "Gar nicht so sehr nach Jazz" wird das klingen, schließlich habe sie auch ein Faible für Popmusik. Ende dieser Woche wird sie ihre Stücke bei der "Jazz Composers Night Berlin" im Schlot vorstellen, einer neuen Konzertserie, bei der jeden letzten Sonntag im Monat zwei Berliner Jazzmusiker eigene Kompositionen spielen. Auch Bassist Marc Muellbauer wird seine Stücke präsentieren, mit einem Quartett, in dem Julia Hülsmann am Klavier sitzt. Es wird komplexe Musik geben. "Aber", sagt Julia Hülsmann, "eigentlich soll das gar keiner merken. Die Leute sollen es ja verstehen".

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