Kultur : Ein Splitter vom Kreuz

„Die Welt schreit nach Außerirdischem“: Schlingensief über Richard Wagner, Religion und andere letzte Dinge

Damals, am Meer.
Damals, am Meer.Foto: David Baltzer/Zenit/laif

KUNST (3)



Vielleicht ist Gott doch ein gescheiterter Künstler. Sein Werk ist unvollkommen, es gammelt vor sich hin. Gott hat aufgegeben. Er will nicht mehr korrigieren. Die Kunst aber akzeptiert das Scheitern, und genau da hilft sie Gott. Der gescheiterte Künstler Gott bekommt Hilfe! Die Kunst wird zur Religion.

dpa, September 2008

THEATER

Dieses blöde Nachvorneglotzen. Diese angestrengten Typen, die meinen, sie wären heute Abend Hamlet und morgen Faust. Ich kenn’ sie alle aus der Kantine, sie saufen und erzählen von früher, als sie noch so toll waren. Ihre Nasen sind rot und großporig, ihr Anspruch an die Gesellschaft ist größer als ihr Einfluss. (...) Im Theater denken alle noch, sie würden uns ein Bild zeigen. Ich hab’ hingegen immer gedacht: Wir stehen doch selbst im Bild. Und vor allem: Wer hat es gemalt.

„Spiegel“-online, 2. Januar 2008

OPER

Es ist die Kunstform, die in den Momenten der Stille immer noch da ist. Vielleicht spüren wir dann den Grundkammerton der Erde. Die Oper singt noch, wenn alle schweigen.

Tagesspiegel, 9. September 2008

BAYREUTH

Das Festspielhaus könnte die Zentrale der Angst werden, die Kathedrale der Church of Fear. Sag Ja zu Deiner Angst, Wolfgang Wagner. Ich habe das Gefühl, ich bin Jack Nicholson in „Shining“, der durch die Gänge des riesigen, leeren Hotels läuft und sich plötzlich auf einem Bild wiederentdeckt. Vielleicht bin ich schon tot und das Bild ist eine Erinnerung an das letzte Leben. Ich bin der festen Überzeugung, dass ich nach „Parsifal“ Krebs kriege, wie Heiner Müller.(...) Ich habe gemerkt, dass ich oft eine Art McKinsey-Unternehmen bin. Wenn Systeme anfangen zu bröckeln, werde ich gerne bestellt. Mich bestellt man nicht wie einen Blumenstrauß zum Firmenjubiläum, sondern eher, wenn die Firma einen Sargnagel braucht. Dann komme ich noch mal mit einer Umstrukturierungsmaßnahme.

Tagesspiegel, 19. Juli 2004

WAGNER

Wagner hat sich für Buddhismus interessiert. Vielleicht braucht man heute Voodoo, um mit ihm Kontakt aufzunehmen.

Tagesspiegel, 19. Juli 2004

ERINNERUNG

Sich erinnern heißt vergessen, überblenden. Das sagt die Neurobiologie. Wenn ich einen Sauerbraten esse und am nächsten Tag beim Inder ein Safranhühnchen, dann schmeckt meine Erinnerung ein bisschen nach Sauerbraten, und das Safranhühnchen auch.

Tagesspiegel, 7. Januar 2007

AFRIKA

Wer nach Afrika geht, hat sich selber an der Backe. Das ist sehr anstrengend. Man ist nass am Körper, trocken in der Kehle und wird von der Hitze weich gekocht, bis man merkt, was man für ein Würmchen ist. Das ist sehr gesund.

„Focus“, 21. Juni 2010

ANGST

Als Messdiener habe ich sie erlebt, als ich sechs Jahre alt war. Meine erste Messe fand frühmorgens statt mit einem über 70-jährigen Monsignore, der das alte katholische Ritual nuschelnd Minetti-mäßig durchführte. Ich war allein mit einem alten Mann auf der Bühne und habe alles falsch gemacht. Am Ende bin ich in die Sakristei gerast und wollte nix wie weg. „Danke sei Gott dem Herrn.“ Plötzlich bekam ich einen Schlag in den Nacken. Der Monsignore drückte mich runter und sagte: „Kniebeuge vergessen“. Und während ich heulte, fuhr er fort: „Egal, was du machst in einem Leben, der Papst bleibt bei seinem Glauben.“ Diese Devise der Kirche empfinde ich als aberwitzig, dass man erst Angst haben soll, um zu kapieren, dass das Leben toll sein kann.

„Welt am Sonntag“, 14. September 2008

RELIGION (1)

Religion bedeutet für mich persönlich: Beten, bis der Papst kommt. Ich bete im Flugzeug, vor dem Start, weil ich mich da ausliefern muss.

„Wirtschaftsblatt“, 17. August 2006

RELIGION (2)

Religion wird immer wichtiger, weil wir Relikte brauchen, Relikte vom Metaphysischen: einen Splitter vom Kreuz oder auch nur den Bierdeckel, auf dem Kardinal Ratzinger mal seinen Humpen abgestellt hat. Die Welt schreit nach Außerirdischem, nach dem Mehr an Bedeutung, das nicht greifbar ist.

Tagesspiegel, 27. September 2006

GOTT (1)

Ich glaube nicht an den einen Gott, der ist wie seine Artgenossen von Menschen gemacht. Die Götter der griechischen Mythologie sind aus dem Chaos entstanden, die Götter der nordischen Sagenwelt kommen aus dem Nichts. Ich fahre in meiner Nussschale herum, lande mal im Wüstensand und kollidiere mal mit einem Eisberg, aber ich fahre nicht automatisch ins Land, wo Milch und Honig fließen. Im Schlaraffenland ist die Motivation, etwas zu verändern, ziemlich gering, im ewigen Eise entsteht vielleicht etwas Neues.

Tagesspiegel, 24. Dezember 2005

GOTT (2)

Ich erlebe die Beziehung zu meinem Gott als Kampfsituation. Wenn man einen solchen Schlag abkriegt, kann man das nicht einfach akzeptieren. Anfang des Jahres bekam ich die Krebsdiagnose, seither quält mich die Frage, wer mich da verlassen hat. „Mein Gott, warum hast du mich verlassen“ – den Satz kann ich nun auch mal rufen. Vielleicht habe auch ich Gott verlassen, vorher schon.

Tagesspiegel, 9. September 2008

KRANKHEIT

Mein Vater war Apotheker, ich habe kranken Menschen noch und nöcher zugehört. Ich habe nie so an das total Gesunde geglaubt.

„Der Spiegel“, 15. Dezember 2008

KREBS

Diese vergangenen sieben, acht Monate sind das Konkreteste und Härteste, was ich in dieser ganzen simulierten Weltansicht von Kunst, Theater und Oper je erlebte. Wir sind alle schön beschützte Wesen, weil wir simulieren können. Und der Schauspieler spielt seine Rolle als Leidensbeauftragter. Ich bin nicht verbittert, aber ich bin beleidigt. Die Krankheit hat mich beleidigt in meinem Glauben an die guten Dinge, die ich getan habe.

Tagesspiegel, 9. September 2008

TOD (1)

Als mein Vater im Sterben lang, und ich dachte, jetzt ist es gleich so weit, hatte ich den iPod vorbereitet mit dem liturgischen Gesang „Heilig, heilig, heilig“. Und dann war die Musik zu Ende, und mein Vater lebte noch. Falsches Timing! Man stellt sich etwas vor, aber dann ist es auf einmal superreal und alles total anders. Er ist gestorben ohne Musik und hat gelächelt ohne mich. Mit dem Tod ist er eingetreten in eine Geheimgesellschaft.

„Die Welt“, 10. Februar 2009

TOD (2)

Wenn einer auf der Bühne „Herein!“ ruft, dann darf die Tür gerade nicht aufgehen. Dann ist es besser, wenn einer tot umfällt.

„Spex“, September 2010

TOD (3)

Ich habe keinen Bock auf Himmel, ich habe keinen Bock auf Harfe spielen und singen und musizieren und irgendwo auf einer Wolke herumgammeln.

„Der Spiegel“, 15. Dezember 2008

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