Kultur : Ein Tag am Rand der Welt

Isabelle Hofmann

Es ist ein Sekundenbruchteil, den die Kamera in Großaufnahme wiederholt. Zwei Männer im Clinch auf einem Gefängnishof. Die übrigen, unbeteiligten Inhaftierten haben sich zu Boden geworfen. In nächsten Augenblick liegt auch einer der Kämpfer regungslos am Boden. Eine stumme Sequenz. Es dauert, bis der Zuschauer begreift, dass der Gefangene tot ist. Und dass er sein Leben bewusst riskiert hat: Nach zweimaliger Warnung wird scharf geschossen. Das ist die gängige Praxis im Hochsicherheitstrakt von Corcoran, Kalifornien. "Ich glaubte Gefangene zu sehen", Harun Farockis Gegenüberstellung von melodramatischen Gefängnisszenen aus Stummfilmzeit mit authentischem Schulungsmaterial für Bewachungspersonal und Aufnahmen der Überwachungskameras, ist ein Schock. Sie ist eine der härtesten der 39 Videoarbeiten, die zurzeit in der Hamburger Galerie der Gegenwart zu sehen sind.

Permanente Veränderung ist seit der Eröffnung 1995 Konzept des Hauses. Zweimal wurde der Ungers-Bau bereits vom Dach bis Sockelgeschoss umgekrempelt. Auf der "Schrägspur" erlaubt er nun erstmals einen Einblick in die umfangreiche Sammlung an hauseigenen Videoinstallationen. Eine erstaunliche Kollektion, die deutlich macht, wie sich das Medium seit den 60er und Anfang der 70er Jahre gewandelt hat. Haben sich Video-Künstler wie Vito Acconci und John Baldessari noch als Gegenposition zu Fernsehen und Unterhaltung verstanden, handlungsarme und zum Teil auch recht langweilige konzeptuelle Filme gedreht, so schöpft die junge Generation alle Möglichkeiten vom Spielfilm bis zum TV-Clip aus, erzählt Mini-Dramen und epische Geschichten, beschreibt Angst, Gewalt und Brutalität der Gesellschaft, und scheut auch nicht vor Karikaturen zurück, wie Pipilotti Rist mit ihrem amüsanten Flower-Power "Pickel Porno" demonstriert.

Auch die Dimensionen haben sich geändert. Hat Bruce Nauman seine gellend schreienden "Anthro/Socio"-Glatzköpfe ("Help me, hurt me, feed me, eat me") 1992 noch in fünf kleine Monitore gesperrt, so bespielen die Jüngeren komplette Räume und ziehen den Zuschauer mitten in die Szenerie hinein. Die albtraumhaften Sequenzen der britischen Zwillinge Jane & Louise Wilson, die das Hauptquartier der Staatssicherheit nach dem Bürgersturm filmten, machen schwindelig. Acht Stunden, so Ausstellungsmacher Frank Barth, braucht man, um alle Filme zu sehen. Allein in Ross Sinclairs Mammut-Installation "Reise an den Rand der Welt", eine atmosphärisch-dichte Hommage an St. Kilda, eine gottverlassene Inselgruppe westlich der äußeren Hebriden, könnte man einen ganzen Tag verbringen.

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