Kultur : Ein Wälsung in der Wohnküche

Sybill Mahlke

Lothar Zagrosek dirigiert eine Inszenierung von Jossi WielerSybill Mahlke

Mime Kocht. Rezept, Milchtüte und Industriepackungen bei der Hand, bereitet er zuerst den Nachtisch. Zwei Schälchen mit Brei stellt er ins Fenster, damit sie abkühlen. Zum Hauptgericht Pellkartoffeln. Jeder weiß, wie heiß die sein können. "Mein Trank labte dich oft", wird er später zu Siegfried sagen, wenn er die heimliche Absicht hegt, den Ziehsohn zu vergiften. Dazu entwickelt der Regisseur Jossi Wieler zusammen mit dem Dramaturgen Sergio Morabito die Vorgeschichte. Ein Kind aufzuziehen als alleinerziehender Vater, bedeutet in erster Linie kochen. Da werden die Gedanken wach. Der verhinderte Goldschmied Mime denkt an das Schwert, das er nicht schweißen kann. Nun verlangt die Partitur nach dem gehämmerten Schmiederhythmus, der Zuschauer rätselt, woher der kommen soll. Topfschlagen heißt die überraschend einfache Lösung.

Die schönsten Inszenierungen sind die, die über ein Werk eine neue Geschichte erzählen: Wie der Nibelung Mime sich in einem ausgehöhlten Gemäuer eine neue Existenz aufgebaut hat. Wie ihm musikalisch der Mythos durch den Kopf geht, während der Alltag ihn frisst. Wohnküchen-Alltag, denn Bühnenbild und Kostüme sind von Anna Viebrock entworfen. Fundstücke, konkrete Realität, "echte Materialien": Unten im Kasten der entzückend hässlichen Klappcouch bewahrt Mime die Stücke des zerschlagenen Schwertes auf, die Sieglinde ihm einst gegeben hat, als sie sterbend den Wälsungenspross Siegfried gebar. Es ist mit Backofen, Elektroherd und Zubehör eine unheimlich anheimelnde Szenerie, in der Wotan als Wanderer dafür sorgt, dass die Türen nicht mehr aufgehen.

Zunächst aber Siegfried: Er ist der Typ des unterforderten fetten Jugendlichen, der seinen Erzieher nicht länger erträgt. "Deinen Sudel sauf allein!", spricht er und fegt sämtliche geschnipselten Kartoffeln vom Tisch. Es lohnt sich, Richard Wagners Regieanweisung einzusehen: "Schmeißt ihm Topf und Braten aus der Hand". Die Brutalität ist mitkomponiert. Der freie, gesetzlose Siegfried, ein Monster, ist seinem Pfleger entglitten und droht ihn zu ermorden. Das dicke Kind trägt ein "Sieg Fried" bedrucktes T-Shirt zu einer Hose mit den modischen Blasebalgtaschen, während der gedemütigte Mime zu bürgerlicher Kleidung, Ordnung und peniblem Aufräumen neigt - alles hat seinen Platz, auch das Tomatenmark. Siegfried aber schickt sich an, den Kartoffelsalat vom Boden in den Mülleimer zu befördern, will sagen, dass ein Stück Abhängigkeit geblieben ist. Der Dialog und das Puddingessen: eine kleine Anleitung zum Timing des Stücks.

An der Staatsoper Stuttgart geht ein "Ring des Nibelungen" mit vier Regisseuren in die dritte Runde. Nach dem Vorabend "Rheingold" unter Joachim Schlömer und der "Walküre" unter Christoph Nel tritt Jossi Wieler aus einer Gesamtästhetik der Tetralogie hervor. Dem Wert des Einzelnen, aus dem Würgegriff der Totalen gelöst, gewinnt er seinen "nüchternen Blick" ab.

Trotzdem gelingt es seiner künstlerischen Intelligenz, die thematisch-gedankliche Einheit der Wotan- und Siegfried-Handlung begreiflich zu machen. Als Wagner-Debütant! Auch für Anna Viebrock ist es die erste Arbeit an einem Werk Richard Wagners. Die beiden Theatermacher schildern unverkennbar, dass Siegfried der Enkel Wotans ist. Im Macho-Gebaren liegt Familienähnlichkeit. Vier Füße fläzen sich auf den Fünfziger-Jahre-Tisch. Die Jeans, die Wotan als Wanderer trägt, stammt aus früherer Zeit als die Siegfrieds. Dazu Lederblouson mit Reißverschlüssen. Da er die Wissenswette als russisches Roulette anlegt, wird das Überleben für Mime zur Panik: der ewige Verlierer. Ohrenschmerzen bereiten ihm Siegfrieds Schmiedelieder, das orchestrale Stakkato aber fördert auch seines Essens Bereitung. Mime stochert, Mime kocht. Präzision regiert.

Sein Nibelungenbruder Alberich ist Kettenraucher, der in einer Art von Todesstreifen vor Stacheldraht wartend und frierend hin und her rennt. Ein Blechschild droht mit Lebensgefahr und einem unsichtbaren Bunkerwart. Auch Waldhornblasen ist streng verboten, wie ein Piktogramm vor der Neidhöhle informiert. Das kann einem Siegfried nicht gefallen. Den Theatermord mit dem Schwert unter der Achselhöhle des Gegners hat er von Kindheit an gelernt. Damals mit einer Waffe aus Holz. Trotzdem fließt viel Blut, bevor Fafner als Leiche im Maschendraht hängt: "Wie Feuer" brennt das Blut. Die Stätte muss tödlich verstrahlt sein, denn ein krankes Kind weist dem Drachentöter als Waldvöglein den Weg. Siegfried verfällt dem Goldschatz sofort: Punktsieg des Einzelstücks "Siegfried". Zukunft offen.

In einem aseptischen Raum mit Waschbecken und Babywiegen sitzt Erda, während der Wanderer beschwingt mit den punktierten Schritten der Musik eintritt. "Ein Wunschmädchen gebar ich Wotan", singt die Mutter Brünnhildes, und der als Wanderer streunende Wotan findet im ersten Kinderbettchen deren erstes Kleid. Aus der verödeten Babystation gelangt der sympathisch eklige, aus den Fugen geratene Siegfried mit seinem blutbesudelten T-Shirt in ein hohes klassizistisches Zimmer in makellosem Weiß. Die Begegnung mit dem schlafenden Dornröschen Brünnhilde ist für ihn ein erotischer Urknall, für sie die programmierte Hochzeitsnacht. Jockeymütze und Jackett weichen dem Chiffonhemd, das zweite Kopfkissen wird drapiert. "Ewig war ich", singt die einstige Walküre und kämmt sich ihr goldenes Haar. Siegfrieds Schwert und Horn hat sie in der Schublade des Nachttischs verstaut. Das kann nicht gut gehen, wie die Inszenierung mit feinen Zeichen verrät. Für diesen Abend belässt sie es bei einer vehementen Kissen- und Betttuch-Schlacht der Lebensabschnittsliebenden.

Was Jossi Wieler an szenischen Gefühlswegweisern mitgibt - Mimes Zittern in Angst, die Gebrochenheit des Macho-Wanderers, seine Hinterhältigkeit und sentimentalen Momente, Siegfrieds Naivität vor der Frau -, entspricht einer markanten, sprechenden Entfaltung der Partitur unter dem mächtig gefeierten Dirigenten Lothar Zagrosek am Pult des Staatsorchesters Stuttgart. So spannend ist der Erzählgestus der Inszenierung, dass Schwachstellen im Sängerensemble wenig hindern. Jon Fredric West, ein famoser korpulenter Siegfried in Darstellung und lautem Ton, ist dem lyrischen Nachdenken über seine Mutter in der Waldweben-Szene nur mit Abstrichen gewachsen. Dennoch besticht sein gestaltender Kunstverstand. Mark Munkittrick kann als Alberich stimmlich keinen Helden erzittern lassen, Heinz Göhrig als Mime klingt bei bemerkenswerter Textdeutlichkeit ein bisschen knarzig. Der Wanderer Wolfgang Schönes, die Brünnhilde der Lisa Gasteen liefern gesanglich das beste Material.

Richard Wagner hat zwischen der Entstehung des zweiten und des dritten Aktes von "Siegfried" zwölf Jahre verstreichen lassen. Die Aufführung erklärt, dass der innere Zeitabstand des jungen Siegfried vom erwachsenen Siegfried an diesem "Zweiten Tag des Bühnenfestspiels" schon vollzogen wird. Trotzdem bleibt ein Rest: Kaum hat der hehrste Held der Welt eine Frau entdeckt, da kriecht er vor Beklommenheit in den Kleiderschrank. Es wird böse enden.

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