• „Ein Wirbelsturm demontiert Hollywood“ Bundesumweltminister Jürgen Trittin über die Wahrscheinlichkeit von Emmerichs Endzeitvision

Kultur : „Ein Wirbelsturm demontiert Hollywood“ Bundesumweltminister Jürgen Trittin über die Wahrscheinlichkeit von Emmerichs Endzeitvision

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Herr Trittin, wie gefällt Ihnen als Umweltminister Emmerichs Katastrophenfilm?

„The Day after Tomorrow“ beherzigt als Actionfilm alle Regeln des Genres. Der Film beruht außerdem auf einer wissenschaftlich nicht mehr umstrittenen Feststellung: Die globale Erwärmung kann dazu führen, dass Gletscher im großen Stil abschmelzen und mit dem Umkippen der Balance zwischen Süßwasser und Salzwasser in den Meeren der Golfstrom zum Erliegen kommt. Roland Emmerich nimmt sich die künstlerische Freiheit, diesen Prozess, der sich über Jahrzehnte vollziehen würde – nämlich das Entstehen einer neuen Eiszeit aufgrund der globalen Erwärmung – auf nur wenige Tage zu verkürzen. Das halte ich für legitim.

Spricht das auch die Amerikaner an?

Die Art, wie im Film mit Symbolik umgegangen wird, hat in amerikanischen Augen bestimmt etwas ungeheuer Provokatives. In einem der Wirbelstürme wird das Hollywood-Schild abgeräumt. Im Auge des Sturms, kurz vor der Wiedervereinigung von Vater und Sohn, bricht die Kältewelle herein, und die amerikanische Flagge, die sonst im Film als Symbol der Zuversicht eingesetzt wird, friert ein und vereist. Und der Vizepräsident, der ja eine verblüffende Ähnlichkeit mit einem amtierenden Vizepräsidenten hat, erklärt in einer Ansprache aus der amerikanischen Botschaft in Mexiko: „Wir haben so gelebt, als wären die Ressourcen dieses Planeten unendlich. Ich habe mich geirrt.“ Das ist eine in sehr gekonnte filmische Formen gepackte provokative Aussage.

Die amerikanische Bevölkerung gilt ja nicht gerade als umweltbewusst.

Es gibt ja nicht den Amerikaner und die USA. Sie finden in Teilen der innerstädtischen Bevölkerung von New York eine ganz andere Position als in Kalifornien. Es gibt unterschiedliche Politiken der einzelnen Staaten. Kalifornien und Neu-Mexiko haben sich jetzt vorgenommen, fast so viel an erneuerbaren Energien bis 2015 aufzubauen, wie wir das in Deutschland tun. Es kommt darauf an, ob die Filmsprache funktioniert. Ob Emmerich die Erwartungshaltung tatsächlich überspringt.

Wie könnte das funktionieren?

Dies ist kein europäischer Autorenfilm, sondern zunächst ein klassischer Katastrophenfilm, mit viel Humor und subtiler Ironie. Vom Hund, der überlebt, bis zu dem japanischen Ehemann, der seine Frau belügt und prompt vom Eishagel erschlagen wird. Und dann die Dialoge der Jugendlichen mit der Bibliothekarin darüber, welche Bücher man ins Feuer werfen dürfe! Dass der Film seine Wirkung entfaltet, ist an der öffentlichen Rezeption in den USA schon zu bemerken. Die Bush-Adminisration hat schon vor der Premiere überstürzt und übertrieben reagiert: Mitarbeiter der NASA, also immerhin einer Bundesbehörde, durften zu den wissenschaftlichen Grundlagen des Films nicht Stellung nehmen. Offensichtlich kommen sie zum gleichen Ergebnis wie unsere Wissenschaftler auch: dass die Grundannahme des Films, der Mensch verursache die globale Erwärmung, wissenschaftlich fundiert ist.

Das Kyoto-Klimaprotokoll haben die Amerikaner nicht unterschrieben. Könnte dieser Film ihre Politik beeinflussen?

Man sollte keinen Film mit Erwartung überfrachten. Ein guter Film ist in erster Linie dazu da zu unterhalten. Unabhängig davon glaube ich, wenn die USA begreifen, dass man die Treibhausgase vermindern und das Problem der globalen Erwärmung ernsthaft angehen muss, werden wir uns als Europäer noch wundern, mit welcher Tatkraft und Konsequenz die USA das umsetzen werden. Dieser Punkt ist allerdings noch nicht erreicht.

Empfehlen Sie den Film weiter?

Wenn Sie unterhalten werden wollen, auf Actionfilme stehen und gleichzeitig nachdenklich gemacht werden wollen, würde der Bundesumweltminister raten: Gehen Sie in diesen Film!

Das Gespräch führte Deike Diening.

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