Kultur : Ein Wörtchen mit vier Buchstaben

Bodo Mrozek

Shit: Aus dem Englischen entlehnter Kraftausdruck für, na ja, Sie wissen schon. Das Four-Letter-Word ist ja im deutschen längst so geläufig, dass es eher lustig anmutet, wenn man es im kleinen Langenscheid-Dictionary vergeblich sucht. Eigentlich gehörte es längst in den Duden. Zumal es in Konsumentenkreisen eindeutig als Umschreibung für eine aus der Hanfpflanze gewonnene Substanz dient, die gegen das Betäubungsmittelgesetz verstößt und als solche einige Berühmtheit erlangt hat. Auch in der Berliner Musikgeschichte hat das Wörtchen längst Karriere gemacht. Da ist einerseits das auch im Ausland berühmte Plattenlabel Shitkatapult, dessen Namen wir uns bildlich lieber nicht vorstellen möchten. Andererseits die Shitparade , die mittlerweile ebenfalls auf eine ehrwürdige Geschichte zurückblicken kann. Sie entstand wie die Fuckparade als Gegenbewegung zur Loveparade, um diesem Karneval der studiogestählten und solariumsgebräunten Körperkulturen eine Ästhetik zwischen Mad-Max- Apokalypse und Pippi Langstrumpfs Piraten entgegenzusetzen. Doch auch der musikalischen Opposition ergeht es nicht besser als den sozialen Bewegungen: Wozu Protest, wenn der Gegner verloren gegangen ist? Und selbst Protestler in der Hitparade angekommen sind?

Eine Zeit lang sah es so aus, als würde die einstige Gegenkultur den Feind beerben. Die Loveparade fiel aus, die Shitparade blieb. Ihr Selbstverständnis wuchs mit dem konstanten Erfolg der Jahre: Statt als Protestveranstaltung versteht man sich längst als „alternatives Festival für elektronische Musik“, mit dem halbelitären Motto „spezial Music für spezial People“. Das ist von dem allumfassenden Postulat der „Love Nation“ und dem bunten Einerlei der Parade, die zwar Demonstrationsrechte in Anspruch nehmen, aber partout keinen Standpunkt formulieren will, immerhin noch weit entfernt. Wenn die Shitparade heute ab 22 Uhr nach guter Tradition wieder in die Maria am Ostbahnhof (an der Schillingbrücke) lädt, dann lockt sie mit Namen, die längst als Qualitätssiegel gelten. T.Raumschmiere ist als Labelgründer und DJ der wohl unangefochtene Meister anspruchsvoller und fantasievoller Techno-Elektronik. Soeben hat er ein geradezu enzyklopädisches Werk angekündigt, das die wichtigsten Tracks der ersten fünf Jahre des jungen Milleniums versammeln möchte – Kanon à la Reich-Ranicki oder Dietrich Schwanitz für Elektrojünger (im Herbst auf Shitkatapult). Akustische Akzente setzen Rocket Freudenthal , die Punk mit Elektro verbinden und laut Ankündigung mit ambitionierten deutschen Textzeilen wie „Wir bauen Scheiße, eimerweise“ heute textlich dem einladenden Label huldigen wollen. (Zum Glück geht es bei elektronischer Musik selten um die textlichen Qualitäten). Daniel Meteo steht für feine Dub-Klänge, Hip-Hop aus Los Angeles liefert Daedalus, und sein Berlin-Debüt gibt Fraction, den Shitkatapult bereits auf einer 12-Inch-Platte vorstellte. Mit anderen Worten: Statt trotzigen Protestgebarens darf man solide Qualität erwarten. Label und Veranstaltung sollten allmählich über eine Namensänderung nachdenken.

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