Kultur : Ein wüstes Land

Der Maler Georg Baselitz präsentiert in der Potsdamer Villa Schöningen seine „Berliner Jahre“.

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Schützende Geste.
Schützende Geste.

Ein junger Künstler, eine unbekannte Galerie: Diese Kombination hatte es schon im Berlin der sechziger Jahre ziemlich schwer. Als Garant für Aufmerksamkeit empfahl sich ein Skandal. Und Georg Baselitz hat dieses Instrument 1963 derart ausgereizt, dass es in seinen Gemälden „Die Große Nacht im Eimer“ und „Der nackte Mann“ bis heute nachwirkt: Bilder, die Staatsanwalt und Polizei auf den Plan rufen, verdienen einen Ehrenplatz auch in der eigenen Biografie.

Von daher wundert es nicht, wenn der Maler eine Variante des provokanten Onaneurs bis heute in seiner Sammlung hält. Was er dort noch aus eigener Hand bewahrt, zeigt aktuell die kleine Retrospektive „Georg Baselitz – Berliner Jahre“ in der Villa Schöningen an der Glienicker Brücke. Hausherr der privaten Ausstellungsräume ist mit Mathias Döpfner der Vorstandschef jenes Verlags, der sich 1963 kraft der B.Z. besonders mit der Baselitz-Schelte hervortat. Ein halbes Jahrhundert später scheint alles vergessen und auch der altersmilde Maler mit der Vergangenheit versöhnt.

21 Exponate hat er nach Potsdam bringen lassen: Das ist nicht unbedingt viel, dafür verspricht es ein intensives Erlebnis. Denn Baselitz präsentiert neben Gemälden aus Anfangszeiten auch die Originale jener von Hand geschriebenen „Pandämonischen Manifeste“, die er gemeinsam mit dem Maler Eugen Schönebeck verfasste, bevor dieser sich komplett aus dem Kunstbetrieb zurückzog. Es sind Schriften voll Wut und Wucht, in denen ein entfesselter Geist heraufbeschworen wird: „Bei uns ist die Blasphemie“. Und als genüge dieser Furor nicht, spicken die beiden ihre Manifeste mit drastischem Vokabular. Gemeint war es allerdings als Gegengift zu jener restaurativen Atmosphäre, von der sich die zwei West-Berliner Akademieabsolventen eingeschnürt gefühlt haben müssen. Dabei standen die unruhigen Jahre der Bundesrepublik unmittelbar bevor.

Dies ist der eigentliche Nukleus der sehenswerten Ausstellung, die dem Besucher ein Netzwerk von Verbindungen eröffnet. Eine Achse führt direkt nach Berlin, wo die Galerie Nolan Judin gerade Schönebecks zeichnerisches Werk in einer museumswürdigen Ausstellung zeigt. Die übrigen Fäden spannen sich quer durch Stadt und Zeit. Sie reichen von den empörten Kommentaren, die der Boulevard 1963 nach der Eröffnung der Galerie Werner & Katz am Kurfürstendamm spuckte, weil er in der rotzig gemalten Gestalt der „Großen Nacht im Eimer“ mit ihrem riesig erigierten Penis einen Angriff auf die Sittlichkeit erkannte. Und enden noch lange nicht vor einem kleinen, gelben Plakat, auf dem die Galerie in warmen, mit Schreibmaschine getippten Worten den renommierten Kunstkritiker Heinz Ohff in Schutz nahm – obgleich er im Tagesspiegel nach einigem Zögern ebenfalls auf Pornografie plädiert hatte.

Es wurde öffentlich gerungen und gestritten; allein für diese Replik einer Ära ideologischer Auseinandersetzung lohnt die Schau. Doch dann greifen Kurator Norman Rosenthal und Baselitz mit der ihm eigenen distanzierten Ironie ein und zerstören jeden Anflug von Pathos, indem die düsteren Sujets von damals in die bunte Gegenwart gehoben werden. Mithilfe der Remix-Bilder aus jüngerer Vergangenheit: Der heute 74-jährige Baselitz hat einen ganzen Teil seiner Themen noch einmal auf großen Formaten, mit fließendem Strich und leuchtenden Farben paraphrasiert. Sie wirken wie der heitere Reflex auf die traurigen, schauerlichen oder aber obszönen Figuren, in denen sich der Maler vor einem halben Jahrhundert spiegelte.

Dazwischen hängen Porträts, die Baselitz noch unter seinem früheren Namen Hans-Georg Kern vor 1960 angefertigt und bislang nie öffentlich gezeigt hat. Nun dokumentieren sie die Anfänge und geben eine Ahnung davon, aus welcher Richtung – Symbolismus und Expressionismus – der Künstler seine Sprache entwickelt und mit den Einflüssen der eigenen Zeit verbunden hat. Stärker sind in jedem Fall die späteren Bilder wie „Dezemberfreude ich bin dein Tod, Russische Frauenliebe“ (1960), dessen verschwommenes Monsterwesen vor grünlicher Waldkulisse auch jetzt noch fesselt. Genau wie „Geschlecht mit Klößen“, das die Körperteile zwar plastisch, aber nicht annähernd so drastisch schildert wie später „Die große Nacht im Eimer“. Es scheint, als kulminiere in diesem Motiv dann doch das Unbehagen eines Malers, der endlich eine Bühne zur Verfügung hat und allen zeigen will, dass unter den freundlichen, tachistischen Gesten seiner Malerkollegen ein wüstes Land liegt, das man sich näher anschauen muss.

Villa Schöningen, Berliner Str. 86, Potsdam, bis 1. 8.; Di–Fr 11–18, Sa /So 10–18 Uhr.

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