Kultur : Ein Zungenkuss und viele Generäle

Popstar und Antiheld: Tarkan zeigt der türkischen Jugend Wege aus der Verklemmung

Deniz Yücel

„Diese Augen, leuchtend grün, verträumt. Schon mit seinem Blick setzt der Mann alles in Flammen“, sagt Öznur Demirel. Für die 23-jährige Erzieherin aus Kreuzberg stand sofort fest, dass sie zum Tarkan-Konzert gehen würde, egal wie hoch der Eintritt auch sein mochte. „Das ist Tarkan“, schüttelt sie alle Zweifel ab. „Das ist Tarkan, da muss man hin!“

Tarkan ist der größte und international bekannteste Popstar der Türkei. Er macht perfekt arrangierte, sehr tanzbare Musik, die Pop- und House- Rhythmen mit türkischen Melodien und Instrumenten vereint. „Manchmal“, sagt der Berliner DJ Çeto, „zögere ich die Tarkan-Sachen absichtlich hinaus, denn das ist eigentlich immer der Partyhöhepunkt. Besser kann es danach kaum werden." Und auch die Reisekauffrau Ilknur Safak aus Schöneberg schwärmt. „Seine Musik, seine Stimme, seine Ausstrahlung – all das ist etwas besonderes. Tarkan ist türkisch und modern zugleich.“

Für junge Kreuzberger ist Tarkan als Identifikationsfigur wichtiger, als er es für die Kids in Istanbul ist. Das meint jedenfalls Kerem Atasever, Mitherausgeber des Kulturkalenders „Tellal“. Er sagt: „Tarkan hat den Deutsch-Türken geholfen, das Gefühl der Zweitklassigkeit zu überwinden, das aus Diskriminierungen durch die deutsche Mehrheitsgesellschaft herrührt. Mit Tarkan können sie sagen: Schaut, wir sind nicht nur Dönerverkäufer und Putzfrauen, wir haben auch einen Weltstar.“

Tarkan Tevetoglu wurde 1972 im pfälzischen Alzey geboren. Seine Eltern waren Gastarbeiter, die in ihre Heimat zurückkehrten, als Tarkan Teenager war. Er studierte Gesang und trat bald in Bars und auf Hochzeiten auf. Aber wie so viele jener Kinder, die bei der Rückwanderungswelle der frühen Achtziger sich als Entwurzelte in der Türkei zurechtfinden mussten, fiel es ihm schwer, sich einzugewöhnen. Auch Tarkan wollte wieder nach Deutschland. Doch es kam anders. Er traf Mehmet Sögütoglu, den Inhaber von Istanbul Plak, einer der größten Plattenfirmen des Landes. 1993 erschien Tarkans Debüt, das sich 700000 Mal verkaufte. Bereits sein zweites Album „Aacayipsin“ („Du bist umwerfend“) wurde über zwei Millionen Mal verkauft. Da hatte er schon die Unterstützung Sezen Aksus, der Königin des Türk-Pops, für sich gewonnen, die 1992 mit „Hadi Bakalim“ den ersten internationalen türkischsprachigen Hit überhaupt gelandet hatte. Aksu schrieb auch den berühmten Knutschsong „Simarik“ („Verwöhntes Gör“), mit dem Tarkan 1997 die Charts und Clubs in aller Welt eroberte.

Es heißt, vor Tarkan habe kein Türke so deutlich über Sex gesprochen. „Wenn ich dich kriege...“, holt er in „Simarik“ aus, bringt den Satz aber nicht zu Ende, sondern lässt zwei Schmatzer folgen. Die unausgesprochene zweite Hälfte des Satzes, die jedem Türken sofort einfällt, lautet: „Dann ficke ich dich.“ Aber ein orientalischer Macho ist Tarkan trotzdem nicht. Im Videoclip sieht man eine verkehrte Welt: Während Tarkan singt, sind es die Frauen, die Küsse verteilen.

Allerdings sind es auch nicht die Texte, die Tarkan eine in der Türkei ungekannte erotische Ausstrahlung verleihen. In der kühnen Laszivität, dem sexy Hüftschwung, den weichen Blicken schwingen die Verführungsgesten einer ganzen Kultur mit und werden Pop. Sex versprüht auch Tarkans Stimme. Wenn er in „Bu Gece“ („Diese Nacht“) zu gedämpften Oriental-House-Beats, eher hauchend als singend, die zweite Silbe der Wörtchens „gece“ endlos in Länge zieht, die Tonlage immer wieder hebt und senkt, erscheinen vor dem geistigen Auge unweigerlich die Bilder einer ausschweifenden Liebesnacht. Nicht ein anzügliches Wort ist dafür nötig.

Die Liebe ist sein Generalthema, das er in mal intelligenten, mal einfältigen Versen variiert. Während Liebe in der türkischen Tradition meist eine unerreichbare, verlorene, schmerzerfüllte ist, wird sie im Türk-Pop Tarkanscher Prägung zu etwas Lustvollem. Im Video zu „Hüp“ zeigt sich Tarkan in einen Zungenkuss mit seiner Partnerin vertieft. In Nahaufnahme. Man sehnt nicht mehr, man erlebt und genießt und will endlich auch wie Amerikaner küssen dürfen. Das ist subversiv genug für ein Land, in dem immer noch Frauen ermordet werden, weil sie eine selbstbestimmte Sexualität ausleben: Die dem Militär nahe stehende Medienaufsichtsbehörde RTÜK belegte das Video mit einem Sendeverbot. Der Zungenkuss verstoße gegen „die türkischen Werte der Familie und Gesellschaft“.

Tarkans sinnliche Bewegungen und sein Make-up entsprechen so gar nicht dem herrschenden Männlichkeitsideal und haben immer wieder das Gerücht genährt, er sei schwul. Vor einigen Jahren wurden Fotos verbreitet, auf denen er, mit einer knappen Badehose bekleidet, einen hübschen und fast nackten Mann zärtlich umarmt. Tarkan dementiert homosexuelle Neigungen, aber als Beleidigung hat er diesen Vorwurf nie betrachtet: „Wenn ich schwul wäre, würde ich es schon sagen.“

Natürlich ist er eine Popfigur, eine perfekte Inszenierung. Tarkan zeigt sich als unnahbarer Lustknabe und sympathischer Kumpeltyp, als Rebell und netter Junge, Mann und Frau, Türke und Kosmopolit. „So ganz habe ich mich nie an einem Ort heimisch gefühlt“, lässt er verbreiten. Und diese Ortlosigkeit setzt sich fort in seinem Bemühen, unbestimmbar zu bleiben. Selbst bei politischen Fragen. Als in den Neunzigerjahren der Bürgerkrieg in den kurdischen Gebieten der Türkei tobte, ignorierte Tarkan seinen Einberufungsbefehl, ging für einige Zeit in die USA und erklärte: „In der Türkei wird dem Militärdienst ein zu großes Gewicht beigemessen. Ich sehe das anders, ich bin gegen Kriege und dagegen, dass Menschen andere Menschen töten.“ Eine Provokation. Doch Tarkan hat es bislang stets verstanden, Revolte und Anpassung so zu mischen, dass weder sein Erfolg, noch seine Glaubwürdigkeit je gefährdet wurden. Als ihm 2000 die Möglichkeit eingeräumt wurde, gegen Zahlung von 10000 Mark den sonst 18-monatigen Wehrdienst auf einen Monat zu verkürzen, kam er zurück und gab in Istanbul ein umjubeltes Konzert, an dessen Ende er sich hinter der Bühne die Haare schneiden ließ und den letzten Song in soldatischer Frisur vortrug. Aber selbst diesem Auftritt, der ihn mit den mächtigen Militärs und der konservativen Presse versöhnte, wohnte eine Protestgeste inne: Wenn ich weder etwas ändern noch entkommen kann, unterwerfe ich mich öffentlich, eine letzte stumme Anklage.

Und die Türkei braucht ihren Tarkan. Wenige Monate nach dem Sendeverbot veröffentlichte das Tourismusministerium einen Spot, der im Ausland für den EU-Beitrittskandidaten warb. Zu sehen war das Beste: Istanbul, Strände, Tarkan.

12.6., Max-Schmeling-Halle, 20 Uhr

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