Kultur : Eine Armee aufgeputschter Hasen

Punkrock mit Konfetti: Die Berliner Beatsteaks verbreiten in der Wuhlheide saumäßig gute Laune

Jochen Overbeck
Nur echt mit Hut. Arnim Teutoburg-Weiß in der Wuhlheide. Foto: dpa
Nur echt mit Hut. Arnim Teutoburg-Weiß in der Wuhlheide. Foto: dpaFoto: dpa

Der moshpit (auf Deutsch etwa: Moscher-Grube) ist etwas, das Menschen, die nicht mit harter Gitarrenmusik sozialisiert wurden, nie verstehen werden. Körper, die sich einzig und alleine mit dem Ziel voneinander entfernen, um einige Sekunden später mit voller Wucht aufeinanderzuprallen. Ein Tanz, der Regeln folgt, die die musikalische Dramaturgie vorgibt und der aus der Distanz gleichsam brutal und strukturiert aussieht: männliches Ritual, Ballett, Boxkampf.

Die Berliner Band Beatsteaks hat in die Wuhlheide geladen, und als alte Punkrocker wissen die fünf Mannen um die Bedeutung der Moscher-Grube. Sänger Arnim Teutoburg-Weiß teilt die Massen während „Cut Off The Top“ in zwei Hälften. „Und wenn es wieder losgeht, möchte ich, dass sich Links und Rechts küssen!“ Es geht wieder los. Und Hölle, ja: Beide Seiten der Wuhlheide küssen sich unter vollem Körpereinsatz.

Ohnehin kann man den 15 000 Besuchern des ausverkauften Konzerts keineswegs mangelndes Engagement vorwerfen. Sie tun, was sie tun müssen. Sie tun aber auch ein bisschen mehr. Zu großen Hits wie dem früh gesetzten „Hand In Hand“ oder „I Don’t Care As Long As You Sing“ hüpft der Innenraum wie eine Armee aufgeputschter Duracell-Hasen, reckt die Fäuste in die Luft, grölt. Hemden und Jacken fliegen durch die Luft, aber auch Hüte, ein Wasserball und eine Frisbeescheibe. Drei, vier Mal entzünden Fans bengalische Feuer, was vermutlich verboten, aber durchaus passend ist, weil es hübsch auf das Finale hinleitet. Während die letzten Töne von „Let Me In“ erklingen, brennt die Band selbst ein Feuerwerk ab.

Das Erfolgsgeheimnis der Beatsteaks ist, dass sie wie ein Taschenmesser mit mannigfaltigen Anwendungen funktionieren. Einmal sind sie die Punkband, der man die Sozialisation im Hardcore anhört. Nicht immer nehmen sie Rücksicht auf diejenigen, die ihre Musik nur aus dem Radio kennen, oft holzen sie sich beherzt durch rotzigen, aber präzise in Szene gesetzten Krach. So klang das schon damals, Ende der Neunziger, als sie im Vorprogramm angesagter US-Heroen wie Sick Of It All spielten. Heute sind sie aber auch Stadionrocker im klassischen Sinn. Feuerwerk und Konfetti-Kanonen. Große Gesten für große Menschenmengen. Dazu Melodien, auf die sich alle einigen können, die ein Herz für Pop haben, etwa den Albumtitel „Boombox“, der mit gewitzten Videoprojektionen und einem ungewohnten, aber gewitzten offbeat daherkommt

Gerahmt werden die Songs von einer unmittelbaren Ansprache. „Zeit zu jubeln, Eure Jungs sind da“, sagt Teutoburg-Weiß einmal. Und klar, das Publikum jubelt. Es folgen Feuerzeug-Fingerübungen bei „Bullets From Another Dimension“ und Singspiele, bei denen die rechte Hälfte des Publikums lauter sein muss als die linke. Das Übliche eben. Aber den Beatsteaks nimmt man es ab, wie auch die Danksagungen. Teutoburg-Weiß wechselt nicht wie andere ständig das Outfit, sondern vor allem seine Kopfbedeckungen. Das charakteristische Hütchen, das man auch im Publikum diverse Male ausmacht, tauscht er im Verlauf des Abends gegen eine Bäckermütze, der später ein Fischerhut folgt.

In erster Linie aber sind die Beatsteaks Berliner. Das zeigt sich vor allem bei zwei Songs: „Hey Du“ aus dem Musical „Linie 1“ (die Band nahm den Song 2002 auf, also lange vor Sido, der seine Rap-Version später in die Hitparaden hievte) wird vom Frontmann fast ganz alleine bestritten und sorgt bis weit in den hinteren Bereich für Gänsehaut. Und „Barfrau“, diese knappe und ultrabrutale Gaga-Hymne auf eine Tresenkraft der Punk-Kneipe Franken in der Kreuzberger Oranienstraße, zeigt, wo die Beatsteaks herstammen. Aus jener Kaschemme. Aus dem legendären SO 36. Zuallererst aber aus einem ranzigen Proberaum in der Alten Schönhauser Straße in Mitte, wo der Punkrock heute nur noch selten vorbeischaut. Eigentlich schade. Andererseits hat er sich an diesem Wochenende in der Wuhlheide saumäßig wohlgefühlt. Jochen Overbeck

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben