Kultur : Eine Biographie über den Mann mit den sauberen Händen

Peter Mosler

Es gibt eine unvergessene politische Metapher von Gustav Heinemann: "Wer mit dem Zeigefinger auf den Anstifter oder Drahtzieher zeigt, der sollte daran denken, daß in der Hand mit dem ausgestreckten Zeigefinger zugleich drei Finger auf ihn selbst zurückweisen." Der Justizminister sprach diese Worte, als Rudi Dutschke 1968 niedergeschossen wurde. Viele Politiker zeigten damals auf die studentischen "Rädelsführer". Heinemann hatte zu der Zeit bereits eine lange Geschichte in der Politik hinter sich, so lauter und charakterfest, wie sie auf dieser Bühne selten zu finden ist. Gegenüber Heinemann kommen einem grüne Politiker heute wie saturierte Honoratioren vor. Der bekennende Christ verließ die CDU wegen der Wiederaufrüstungspläne Adenauers, und 1969 sagte er, jede Bundeswehr müsse sich um einer besseren politischen Lösung willen in Frage stellen lassen.

Gustav W. Heinemann, dessen Geburtstag sich am 23. Juli zum hundertsten Mal jährt, ist eine der großen Persönlichkeiten der deutschen Demokratie - einer von denen, die sich von Anbeginn eine tiefer gehende Besinnung nach Diktatur und Krieg gewünscht hätten, und daß er 1969, als Mitglied der SPD, zum Bundespräsidenten gewählt wurde, empfanden viele als nachträgliche Würdigung seiner Politik - "endlich ein Mann mit sauberen Händen, ehrlicher Haut und gutem Willen".

Heinemann war es, der den inzwischen klassisch gewordenen Satz geprägt hatte: "Nicht der Krieg ist der Ernstfall, sondern der Frieden", ausgesprochen mitten im Kalten Krieg, als den Bürgern noch andere Äußerungen in den Ohren klangen. Er war es auch, der 1950, als erster Bundesinnenminister, damals noch Mitglied der CDU, einem Offizier, der über die "unwürdige, unchristliche" Behandlung des Soldatenstands klagte, zur Antwort gab: "Was haben Sie persönlich gegen die Verwüstung des deutschen Volksvermögens und gegen die Auflösung aller öffentlichen Ordnung in Deutschland bis zur bedingungslosen Kapitulation getan?"

Der Politiker hat sich mit aller Kraft dafür eingesetzt, Untertanengesinnung und Unterwürfigkeit in staatsbürgerliches Selbstbewußtsein und gesellschaftliche Mitverantwortung zu verwandeln, und seine Wahl zum Bundespräsidenten war eine Zäsur in der Geschichte Deutschlands gewesen. Im Dietz-Verlag ist jetzt eine Sammlung seiner Reden, Aufsätze, Briefe und autobiographischen Reflexionen erschienen. Sie zeigt einen Landespolitiker, einen Staatsmann, geprägt von einer hohen politischen Ethik, die stets durch ein christliches Fundament bestimmt war. Das machte auch seine Prinzipienfestigkeit aus, die in der Öffentlichkeit mit Bezeichnungen von "Brunnenvergifter" bis "Illusionist" quittiert wurde. Dem Buch fehlen leider eine Chronologie zum Leben Heinemanns und ein Personenregister. Der Leser wartet nach "Einspruch" jetzt auf eine politische Biographie Heinemanns, die das Auf und Ab der Geschichte Deutschlands am Leben dieses konsequenten Demokraten nachzeichnen könnte.Gustav W. Heinemann: Einspruch. Ermutigung für entschiedene Demokraten. Dietz-Verlag, Bonn 1999. 235 Seiten. 29,80 DM.

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