Kultur : Eine bunte Rate-Mischung

Es geht ums Ganze: Das biografische Osterrätsel steht in diesem Jahr unter dem Motto „Religionen und Weltanschauungen“.

Ein Gelehrter, der alles

hinterfragte

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Es war Zeit für Muße und Kontemplation. Geboren 1913 in Kolumbien, ging es nach Kinderjahren in Paris zurück nach Bogotá. Es war Geld in der Familie, sie hatte reichlich Land, und so konnte sich der Sohn es einrichten, nicht für Erwerb arbeiten zu müssen. Also bezog er eine großzügige Villa am Stadtrand, las, dachte nach und schrieb. Ein Leben als Privatgelehrter, ebenso erstrebenswert wie selten, ohne materielle Sorgen, gut gelaunt und doch voller Pessimismus im Blick auf die Welt. Er war ein Philosoph, der die Gesamtschau betrieb, jedoch ohne jemals zu einem schlüssigen Bild zu finden. Und er war tief religiös, eigenwillig bis zur Häresie. Aus dieser Quelle speiste sich seine Perspektive: Alles zu hinterfragen, nur die eigene Überzeugung nicht. Was in der entwickelten westlichen Gesellschaft mit Eifer besungen wird, Demokratie, Aufklärung, Liberalität, reizte seinen glutvollen Widerspruch. Ein Ketzer des Weltlichen, den die Moderne abstieß. Seine zahllosen Aphorismen gelten als meisterliche Dekonstruktionen der Gegenwartsgesellschaft und ihrer Massenkultur. 1994 starb der bis zur Rebellion fromme Katholik und radikale Denker des großen Gegenteils. Er hat auch in Deutschland Verehrer, wenige, aber ausgesuchte, die nicht zögern würden, sich mindestens „konservativ“ zu nennen: Botho Strauß, Martin Mosebach - und sogar Harald Schmidt.





Ein Journalist, der an das gute

Vorbild glaubte

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Dass er abends als Politiker heimkehren würde, hatte sich der Journalist morgens nicht träumen lassen. Doch das Gespräch mit seinem Interviewpartner war spannend. Und so schaffte es sein Artikel nicht nur zum ersten Mal auf die Titelseite seiner Zeitung, sondern er wurde selbst gleich Kreisvorsitzender der neu gegründeten Partei, um die es bei dem Interview ging. Später, als er schon längst die politische Karriereleiter hinaufgeklettert und kein freier Autor mehr war, schien er eine der wichtigsten journalistischen Aufgaben vergessen zu haben: Missstände aufzudecken. Er war wegen angeblich falsch abgerechneter Dienstreisen in die Schlagzeilen geraten und bezeichnete die Mitglieder seiner früheren Zunft aus Ärger als Wegelagerer. Ansonsten wählte er seine Worte aber immer sehr bedacht. Er war ein tief gläubiger Christ, von manchen wurde wegen seiner religiösen Art spöttisch als Bruder bezeichnet. Oft sprach er in seinen Reden die gesellschaftliche Verantwortung an. Als er das im Jahr 2000 an einem besonderen Ort auf Deutsch tat, sorgte er für Aufsehen. Doch war er auch Machtmensch und Strippenzieher, sonst hätte er es nicht so weit gebracht. Dass Rauchen sein Laster war, versuchte er stets zu verbergen. Er wollte schließlich Vorbild sein.





Ein Architekt, der mit Klängen Kirchen baute

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Seine letzte Sinfonie hat er dem lieben Gott gewidmet. Was er zum Wohle des Höchsten ab 1850 auf der Orgel improvisierte, setzte die Zeitgenossen in Erstaunen. Kaum ein Tonsetzer war sein ganzes leben lang mit dem Höchsten so vertraut, ein Katholik, wie er im Buche steht, und doch hat wohl keiner unter den gläubigen Komponisten die Vollkommenheit der Schöpfung so radikal in Frage gestellt. Die Werke des Gesuchten kann der Hörer durchschreiten wie Kathedralen, tief beeindruckt von der monumentalen Klangarchitektur, die doch allen Regeln klassischer Statik zu widersprechen scheint. Man kann aus diesen Partituren aber auch das Ende aller Heilsgewissheit heraushören: Hier gibt es nichts mehr, was die Welt im Innersten zusammenhält, hier zerbersten Erde, Himmel und Hölle. Der Meister selber wurde durch seine Eingebungen in höchstem Grade verunsichert, ließ sich immer wieder von wohlmeinenden Freunden zu Entschärfungen des Notentextes überreden. Erst das 20. Jahrhundert lernte ihn als Vorahner der Moderne wirklich zu schätzen.





Ein Künstler, der mit

Licht malte

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Ende vergangenen Jahres war es wie eine Überraschung, plötzlich tauchten überall neue Kirchenfenster zeitgenössischer Künstler auf: von Gerhard Richter und Markus Lüpertz in Köln, von Neo Rauch in Naumburg. Das irritierte und begeisterte gleichermaßen Gläubige wie Kunstpublikum, denn Jahrzehnte lang schien Kirchenkunst für arrivierte Maler kein Thema mehr zu sein. Mit dieser erstaunlichen Rückbesinnung auf diese uralte Fertigkeit kehrte zugleich die Erinnerung an jenen Mann zurück, der die Gattung der monumentale Glasmalerei wie kaum ein anderer im 20. Jahrhundert noch einmal zum Blühen brachte und sofort ein Leuchten in die Augen derjenigen zaubert, die einmal seine Fenster in Mainz oder Metz gesehen haben. „Für mich stellt ein Kirchenfenster die durchsichtige Trennwand zwischen meinem Herzen und dem Herz der Welt dar," hat dieser träumerische Maler einmal gesagt, den es mit besonderem Stolz erfüllte, dass er als Jude von der katholischen Kirche diese prestigeträchtigen Aufträge erhielt. Aus seinen Werken spricht eine universale Sprache der Liebe und der Versöhnung. Kein Wunder also, dass sich auch die Vereinten Nationen für ihren Sitz in New York von ihm eine solche Pforte zum Herzen der Welt erbaten.





Eine Nonne,

fromm, frech,

unermüdlich

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Fromm war sie, aber ihrer Kirche alles andere als geheuer. Ein hoher römischer Würdenträger nannte sie „ein umhervagabundierendes Weib“ und auch ihre Mitschwestern im Kloster fanden sie oft nicht recht erträglich, ja sie bekämpften sie sogar. Vielleicht war diese Frau, die in den Orden eingetreten war, um den Demütigungen einer Ehe zu entgehen, einfach ein zu großes Kaliber für ihre Umwelt: Immer wieder schwer krank – nach einem Zusammenbruch fiel sie vier Tage lang ins Koma, man hielt sie für tot und wollte sie bereits begraben – und trotzdem nicht zu bremsen: Trotz massiven Widerstands gründete sie in ihrem 67-jährigen Leben 15 Klöster und eine Missionsstation, schrieb darüber, verfasste eine Autobiographie und schrieb unermüdlich Briefe – immerhin mehr als vierhundert sind erhalten geblieben. Ihren bis heute wirkenden Ruhm verdankt die Tochter eines zur Zeit der grausamsten Judenverfolgung in ihrem Land konvertierten Juden allerdings ihren spirituellen Fähigkeiten, ihren visionären Gottesbegegnungen, die sie ebenfalls in mehreren Büchern beschrieb. Heutige Christen, so heißt es, könnten etwas von der „Bejahung von Leiden und Sterben“ lernen, wie sie sie gelebt habe. Edith Stein, die 1942 als Jüdin in Auschwitz ermordet wurde, bekannte, die Lektüre der großen Mystikerin habe sie zum Katholizismus gebracht. Ihre Kirche hat längst ihren Frieden gemacht mit der sperrigen Nonne, die auch für ihre freche Schlagfertigkeit berühmt war und von sich selber sagte, sie sei „ein Weib und obendrein kein gutes“. 40 Jahre nach ihrem Tod wurde sie heilig gesprochen und gilt gläubigen Landsleuten als Schutzpatronin ihres Heimatlandes. Eine weit seltenere Ehrung wurde ihr erst ein paar hundert Jahre später zuteil: Da nahm der Papst sie unter die wichtigsten Theologen der Kirchengeschichte auf. In diesen Kreis von 33 illustren Köpfen haben es bisher erst drei Frauen geschafft.





Ein Mann,

dessen Namen

jeder kennt

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Er ist ein heiliger Mann und doch stehen seine Geschichte und sein Name für eine Glaubensspaltung, die sich teilweise schon zu seinen Lebzeiten vollzog. Bis heute werden mit dieser Spaltung, an deren Anfang ein erbitterter Nachfolgestreit stand, Attentate und Kriege begründet. Doch auch eine Glaubensrichtung, die als gemäßigt und friedliebend gilt und in Deutschland oft als Muster gelungener Integration genannt wird, hat ihre Bezeichnung einst direkt aus seinem Namen abgeleitet. Der Gesuchte stand dem Stifter der gemeinten Weltreligion sehr nahe. Er soll in einer Stadt geboren sein, die im Gebet von Gläubigen in aller Welt gegenwärtig ist. Die dortige zentrale heilige Stätte wurde unlängst von einem dänischen Karikaturisten als „dummer Stein“ bezeichnet. Die Berliner Galerie, die das entsprechende Plakat zeigte, sah sich in den letzten Wochen mit erbitterten Protesten konfrontiert. Der bedeutende Mann trägt übrigens einen Allerweltsnamen - zumindest, was seinen Kulturkreis betrifft. In einigen Berliner Bezirken mit einem hohen Migrantenanteil steht er ganz oben auf der Liste der beliebtesten Jungennamen - gleich nach Luca, Max und Leon.





Eine Heilige, die Wunder wirkte

7

Mit ihrer tief im Glauben wurzelnden Mildtätigkeit und uneigennützigen Zuwendung gegenüber Armen und Kranken erwarb sie sich schon zu Lebzeiten eine große Anhängerschaft. Das war zu damaligen Zeiten für eine junge Frau und gar eine Landgräfin durchaus ungewöhnlich – und trug ihr zugleich so mancherlei Missgunst von Vertretern ihres Standes ein. Zumal sich die Kunde von wundersamen Ereignissen rings um die Zeugnisse ihrer tätigen Nächstenliebe landauf, landab verbreitete. Nach ihrem selbstgewählten Weg in Buße und Bescheidenheit – sie wohnte zeitweilig in einem Schweinestall – wurden vielerlei Legenden nicht nur über das große Maß ihrer Hilfen, sondern auch über die sagenhaften Umstände ihres segensreichen Wirkens weitergegeben. Etwa diese: Als sie in einem Hungerjahr alles verfügbare Korn austeilen ließ und wegen dieser „Verschwendung“ heftigen Angriffen ausgesetzt war, soll sich plötzlich der Boden aller Säle und Kammern von selbst mit Korn gefüllt haben. Dass sie schon vier Jahre nach ihrem Ableben von Papst Gregor IX. in Perugia heilig gesprochen wurde, führte mancher auf den großen Einfluss ihrer königlichen Familie zurück. Doch auch die Menschen verehrten sie und trugen sie im Herzen – und das bis heute, was nicht zuletzt das vergangene Jahr bezeugte, als ihrer Millionen gedachten anlässlich ihres sehr runden Geburtstages. Sie starb mit 24 Jahren und hatte eine Tochter, die Äbtissin wurde. Bereits kurz nach ihrem Tod sollen sich an ihrem Grab zahlreiche Wunder ereignet haben. Ihr Haupt befindet sich in Wien.





Ein Kaufmann, der Buchstaben produzierte

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Aufgewachsen ist er in einem christlich-frommen Elternhaus. Er ist das älteste von neun Kindern. Der Vater ist ein einflussreicher Unternehmer, leitet eine Baumwollspinnerei. Sein größter Wunsch: Der Sohn soll in seine Fußstapfen treten, später die Firma übernehmen. Aber der Junge hat andere Interessen. Er begeistert sich für die Philosophie. Während er in Bremen eine kaufmännische Ausbildung beginnt und in Berlin seinen Militärdienst ableistet, belegt er erste Seminare an der Universität. Lange hält es ihn nicht in preußischen Stuben: Mit 22 Jahren geht er auf Reisen. Er lebt, wo es gerade passt – irgendwo zwischen Manchester, London, Paris und Brüssel. Der Kaufmann führt ein einfaches Leben, er ist knapp bei Kasse. Ohne wohlhabende Gönner wäre er aufgeschmissen. Sein erster großer Auftritt folgt sechs Jahre später: Zusammen mit einem Freund aus dem Ruhrgebiet veröffentlichte er einen Band mit gesammelten Schriften, von denen vorher nur ein paar Zeilen in einer Kölner Zeitung erschienen. Das Werk ist umstritten – doch der junge Mann lässt sich nicht einschüchtern. Er schreibt. Seine Artikel werden in den Vereinigten Staaten von Amerika gedruckt, später auch seine Bücher. Mit Mitte 40 verkauft er seine Firmenanteile an der Baumwollspinnerei - und ist reich. Als er stirbt, ist er 75 Jahre alt. Seine Texte sorgen noch heute für Furore.





Ein Denker mit vielen

Talenten

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Sicher ist über ihn eigentlich so gut wie gar nichts bekannt, manche gehen sogar fast so weit, die meisten Begebenheiten aus seinem Leben in die Nähe eines Mythos zu rücken. Eine Ironie der Geschichte, schließlich gilt der Gesuchte als einer der ersten, der sich bei der Suche nach dem Ursprung allen Seins vom Mythos und den Göttern ab- und dafür der Natur zuwandte. Er soll überhaupt einer der ersten gewesen sein, der die Frage nach dem Ursprung des Seins aufwarf; als eine Art Urahn wurde er deswegen von einem großen Nachfolger gerühmt, der aber die Lehre des Gesuchten wohl auch nur vom Hörensagen kannte. Der Überlieferung nach wuchs der Gesuchte in einer Handelsstadt auf, die zu seinen Lebzeiten zu den blühendsten und mächtigsten der Region gehörte. Hier trafen sich Händler aus allen Ecken der damals bekannten Welt - ein Schmelztiegel der Kulturen, der wohl dazu beitrug, bisher als unumstößlich Feststehendes zu hinterfragen. Der Gesuchte galt als Multitalent, das in vielen Bereichen Bahnbrechendes leistete – einiges davon ist uns heute deutlich bekannter als die Denkströmung, die er begründete. Sein Wissen, so wurde später erzählt, eignete er sich auf mehreren Reisen an. Berühmt ist seine angebliche Vermessung eines der Bauwerke, das später zu den sieben Weltwundern zählte. Seine naturwissenschaftlichen Kenntnisse sollen ihm auch dabei geholfen haben, einen Krieg zu verhindern. Sein Ruf als Weiser verbreitete sich schnell weit über seine Heimatstadt hinaus. Ein großer Komödiendichter riss noch zwei Jahrhunderte nach der angenommenen Lebenszeit des Gesuchten in zwei Stücken Gags auf seine Kosten. Weniger komische Gedanken verbinden heute wohl viele Schüler mit ihm, die noch immer regelmäßig mit ihm zu tun bekommen.





Der Sohn

einer

Pastorenfamilie

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Für heutige christliche Prediger ist völlig logisch, dass jeder Versuch, die Auferstehung Jesu auf einer biologischen oder medizinischen Ebene erklären zu wollen, scheitern muss. Andere jedoch – bis hin zum katholischen Buchautor Franz Alt – gingen indes davon aus, Jesus sei nur scheintot gewesen, als er bestattet wurde und er sei anschließend kurzzeitig ins Leben zurückgekehrt. Dieser rationalistischen Ausdeutung, die davon ausgeht, dass das Grab tatsächlich leer war, Jesus aber nicht – wie die biblischen Zeugen berichten – auferstanden sei, hing auch unser Mann an. Auch deshalb war er in schwere kirchenpolitische Konflikte verwickelt, die in ihrer Vorgeschichte bereits in seiner Familie und seiner Erziehung angelegt waren. Er hatte Zweifel an den althergebrachten Glaubensvorstellungen seiner Eltern. Dies führte zeitweise zu schweren inneren Kämpfen – und zu einer Entfremdung von Vater und Sohn.

Der Sohn einer Pastorenfamilie war Prediger und Hilfslehrer. Bei einer Universitätsgründung half er mit und war zu Lebzeiten ein bekannter Mann, der sich mit allen möglichen ethischen Fragen beschäftigte. Seine Auffassung von Frömmigkeit, die Glauben und Gefühl als eng miteinander verwandte Begriffe sah, stieß auf viele Widerstände. Geboren wurde er ungefähr zur gleichen Zeit wie auch Wilhelm Friedrich Hegel, Friedrich Hölderlin, Ludwig van Beethoven und die Brüder Wilhelm und Alexander von Humboldt. Mit der Witwe eines Freundes hatte er vier Kinder, zwei weitere Kinder brachte sie in die Ehe mit. Er starb im Alter von 65 Jahren in Berlin – an einer Lungenentzündung. In Berlin liegt er auch begraben. Tausende nahmen an seiner Beerdigung teil.

Bis in das ausgehende Mittelalter war es für Christen kein Problem, an das Wunder der Auferstehung zu glauben. Berichte von übernatürlichen Phänomenen wurden kaum angezweifelt – schon gar nicht bei biblischen Geschichten. Doch es gibt auch andere Geschichten, an die Menschen glauben. Sie schaffen den gedanklichen Rahmen für die Gesuchten des Osterrätsels 2008.

Bitte schicken Sie Ihre Lösungen auf einer Postkarte an: Der Tagesspiegel, Redaktion Sonderthemen, Kennwort: „Osterrätsel“, 10491 Berlin. Die Namen derer, die richtig geraten haben, werden veröffentlicht – vorausgesetzt die Mails, Briefe und Postkarten enthalten einen deutlich lesbaren Absendehinweis. Unter den Einsendern der richtigen Lösungen werden 30 Buchpreise verlost. Im Internet steht das Rätsel unter www.tagesspiegel.de/osterraetsel2008. Der Einsendeschluss ist der 15. April (Poststempel). Sie können ihre Lösungen auch per E-Mail schicken: osterraetsel@tagesspiegel.de

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