Kultur : Eine Frage des Tonfalls

Norman Mailer (2): der Schrifststeller über die Kunst, kurze Sätze zu schreiben und die Schwierigkeit, berühmt zu sein

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Über Hemingway

Die amerikanischen Autoren meiner Generation lernten alle von Hemingway. Es war ein Ritual: Man fing an, indem man ihn imitierte. Über die Jahre entwickelte man seinen eigenen Stil. Seine Sätze sind einfach wundervoll. Als ich „Das Lied vom Henker“ schrieb, dachte ich, ein einfacher Stil wäre etwas Simples und es würde zuviel Aufhebens davon gemacht. Aber sein einfacher Stil ist anders. Vor kurzem arbeitete ich an einem Buch über das Schreiben. Darin sage ich über Hemingway, das Wichtigste sei die Spannungsstärke seiner Sätze. Man kann nicht ein Wort verändern, ohne den ganzen Satz zu beschädigen. Wenn man mit dem Schreiben anfängt, will man vor allem seine Botschaft unterbringen, egal wie. Hemingway tat das Gegenteil. Er beschränkte sich auf das, was er weiß. Und was Hemingways Männlichkeit betrifft: Ich glaube, es hat ihn umgebracht. Es ist sehr gefährlich, so wie er zu sagen: Ich werde ein Mann sein! Wenn Schriftsteller auf eine Rolle bestehen, müssen sie ihr auch gerecht werden. Ich glaube, ich war es einfach müde, meiner Rolle gerecht werden zu müssen. So ungefähr muss es auch Hemingway gegangen sein. Er hat zuviel von sich selbst verlangt, bis nicht mehr genug zum Leben und Schreiben übrig war.

Über Picasso

Den größten Einfluss auf mein Leben hatte Picasso. Ich habe sehr genau studiert, wie sein Stil sich alle vier oder fünf Jahre wandelte, normalerweise dann, wenn er eine neue Frau hatte. Mit einer neuen Frau zu leben, bedeutete einen neuen Zugang zur Wirklichkeit. Deshalb er veränderte seine Malweise. Wenn man über ein bestimmtes Thema schreibt, muss man sich für einen Stil entscheiden. Ich habe vermutlich auch einen persönlichen Stil, aber im allgemeinen ist es genau das, was mich an einem Buch fasziniert: den passenden Tonfall zu finden.

Über den Ruhm

Ich habe wegen des Ruhms an einer Identitätskrise gelitten, bevor es den Begriff gab. Damals musste ich Umschreibungen verwenden, zum Beispiel, dass ich mein eigener Sekretär sei. Wären „Die Nackten und die Toten“ kein solcher Erfolg gewesen, wäre ich wie jeder junge Schriftsteller wütend gewesen und hätte weiterhin die Erfahrung gemacht, nicht ernst genommen zu werden. Das Problem war der Übergang: zunächst überhaupt nicht und plötzlich von jedem ernst genommen zu werden. Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass das ein typisches Phänomen unserer Zeit war. Man kann sich über den Ruhm beschweren oder lustig machen – aber plötzlich kommt der Moment, in dem er einem weggenommen wird und die Leute sagen: „Armer Mailer, nur ein einziges Buch.“ Darüber wird man sehr wütend. Und aus Wut schafft man es wieder zurück, aber dann will man noch mehr Ruhm. In meinem Alter geht es darum: Wie lange kann man noch arbeiten, wie lange macht mein Gehirn noch mit?

Über Gewalt

Es gibt Leute, die Massenmord begehen, indem Sie Millionen vergiften. Wo es so viel Hass auf die Menschlichkeit gibt, ist manchmal individuelle Gewalt nicht schlecht. Was die Gewalt des Staates angeht, haben wir das Beispiel Deutschland: Lange galt es als das ungefährlichste und sauberste Land der Erde. Wir wissen, was dann passiert ist. Man kann von der Schrecklichkeit der Gewalt nicht reden, ohne zu differenzieren. In meinen Büchern wird Gewalt immer erklärt.

Das Gespräch führte Daniel Kehlmann am vergangenen Donnerstag in Wien.

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