Eine glückliche Verbindung : Was Loriot am meisten liebt

Über Wum und Wendelin, Müller-Lüdenscheid und "Ödipussi" vergisst man es fast, aber eigentlich stand die Musik von Anfang an im Zentrum des Loriot’schen Denkens und Schöpfens. Jetzt gibt es seine Musik auf DVD.

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Vicco von Bülow alias Loriot liebt die Musik.
Vicco von Bülow alias Loriot liebt die Musik.Foto: picture-alliance / SCHROEWIG/CS

Enrico Caruso, Fjodor Schaljapin und Beniamino Gigli hießen die Helden des jungen Vicco von Bülow, auf knisternden Schellackschätzchen schmetterten sie „La donna è mobile“ oder intonierten eiskalt „Che gelida manina“, und dem wissbegierigen Buben war es Notwendigkeit und Freude, an der Handkurbel des väterlichen Grammophons (Eiche furniert, Baujahr 1929) zu drehen oder die dazugehörige Schalldose mit wechselnden, vorzugsweise besonders „lauten“ Nadeln zu bestücken. Das Grammophon, behauptet Loriot, sei das einzige Instrument, das sich je freiwillig von ihm habe spielen lassen.

So wurde sie denn bildungsgroßbürgerlich in sein Herz gepflanzt, die Passion Musik. Losgelassen hat sie den gelernten Karikaturisten, Kultautor und Fernsehstar nicht mehr, und um die Lockerheit, den Adel seines Umgangs mit Dirigenten und Tenören darf man ihn bis heute getrost beneiden. Über Wum und Wendelin, Müller-Lüdenscheid und „Ödipussi“ vergisst sich das vielleicht ein bisschen, aber eigentlich stand die Musik immer und von Anfang an im Zentrum des Loriot’schen Denkens und Schöpfens, als Heilerin, Helferin, ferne nahe Geliebte: Von seinem ersten Text zu Saint-Saëns’ „Karneval der Tiere“ 1975 über den frühen „Versuch eines Dirigats“ der Berliner Philharmoniker, von seinen diversen eigenen Operninszenierungen bis zu Auftritten im Leipziger Gewandhaus, an der Wiener Volksoper oder der Deutschen Oper Berlin.

Nessun dorma. Vielleicht gehen die Leute ja nur in die Oper oder ins Konzert, um voreinander ihre Ruhe zu haben.
Nessun dorma. Vielleicht gehen die Leute ja nur in die Oper oder ins Konzert, um voreinander ihre Ruhe zu haben.Foto: Warner

Loriot bleibt mehr Menschenbeobachter als Menschenbeweger

Eine fünfteilige DVD-Edition (zusammengestellt von Stefan Lukschy) versammelt dieses urmusikalische Oeuvre nun, und das Vergnügen ist alles andere als sentimental. Gewiss, Loriots Inszenierungen von Flotows „Martha“ 1986 in Stuttgart oder des „Freischütz’“ zwei Jahre später bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen genügten schon damals weder den Ansprüchen des sogenannten Regietheaters noch denen einer typisch opernhaften kulinarischen Fettlebe. Der feine klare Strich jedoch, mit dem der Regisseur (der selbstredend sein eigener Ausstatter ist) den Werken hier zu Leibe rückt, das Zeichnerische seines Zugriffs fördert bei aller Werktreue auch Ungemütliches zutage. So sind die Jägerkostüme bei Carl Maria von Weber von einem geradezu nervtötenden Grün, und in der doch eher hausbackenen „Martha“ waltet eine Delikatesse, die man fast morbid nennen möchte.

Trotz solcher Exkurse bleibt Loriot mehr Menschenbeobachter als Menschenbeweger (im praktischen Bühnensinn). Sein Werkzeug ist, neben dem Bleistift, die deutsche Sprache, und dass und wie er ihrer mächtig ist, beweist sein Opernführer, der Hit der Berliner Aids-Gala von 1997 bis 2004. Wie viel muss man von Mozart’scher Leichtigkeit wissen und von Mozarts Verspieltheiten erfahren haben, um seine „Entführung“ wie folgt ankündigen zu können: „Das türkische Singspiel ,Die Entführung aus dem Serail‘ spielt in der Türkei, wo sich seinerzeit auch sehr viele Türken aufhielten.“ Wie um alles in der Welt kommt man von „Frühlingsröllchen“ auf Puccinis „Turandot“? Muss nicht jede „Freischütz“-Inszenierung an der Wolfsschlucht scheitern, weil sie regieanweislich einen Wasserfall, vier Feuerräder, zwölf galoppierende Pferde, lebende Hirsche und Hunde, eine Eule, mehrere Raben, einen rasenden Eber und ein wildes Geisterheer nebst Platzregen verlangt? Loriots Kunst ist es, die Oper da wörtlich zu nehmen, wo sich das niemand traut – und da zu abstrahieren, wo das Publikum schwelgt oder schläft: „Wie wir wissen, ist der Mann als solcher grundsätzlich bereit, für die leidenschaftliche Liebe zu einer Frau auf Arbeitsplatz, Ruf und Vermögen zu verzichten. Das macht die Oper ,Carmen‘ so lebensnah.“ Und Loriots legendären „Ring an 1 Abend“ (nach Wagner) natürlich auch.

Genau hinzusehen und aufzuspießen, was komisch, grotesk, lächerlich oder bemitleidenswert sein könnte, ohne zu verletzen, auch das ist eine Kunst – was Loriot betrifft, vielleicht sogar die größte. Noch der einminütige Werbespot zu den DVDs ist da bemerkenswert. Mitten in die Ankündigung des Künstlers hinein platzt Musik, lärmig, viel Blech, großes akustisches Rauschen, man sieht, wie seine Lippen sich tapfer weiterbewegen. Dann plötzlich reißt die Musik ab, und man hört Loriot wieder sprechen: „Ach übrigens, diese Box ist besonders geeignet für Erwachsene, Kinder und, dings, äh, Hunde.“

Loriot und die Musik. Eine glückliche Verbindung von Komik und Harmonie (Warner, fünf DVDs)

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