Kultur : Eine Handvoll Reis

Sinfonisches und Chöre von Stefan Wolpe im Berliner Konzerthaus

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Mit einem starken Glauben an die Machbarkeit des scheinbar Unmöglichen ist die New Yorker Stefan Wolpe-Society angetreten, Werk und Denken ihres Künstlers im Musikgeschäft zu etablieren. Nun wird der gebürtige Berliner in Zusammenarbeit mit den Festwochen und anderen vereinten Kräften präsentiert, ohne dass gesagt werden könnte, er sei in der Stadt seines frühen Wirkens wirklich angekommen. Eklatanter Publikumsausfall im Konzerthaus. Der zweite Abend der Porträtreihe lässt zudem die Aufführung der „Yigdal Cantata“ aus dem jüdischen Leben Wolpes vermissen, weil der Organist Dalitz erkrankt ist. Alles, was über Stefan Wolpe, dessen 100. Geburtstag begangen wird, zu lesen ist – Busonis Ästhetik, Bauhaus-Ideale, Anna Blume und Taoismus, das Außenseitertum, die Freundschaft mit de Kooning und Mark Rothko, Aufmischung der New Yorker Jazz-Szene – lässt Bunteres erwarten als das Erklingende. Nach dem Brauch der Zwanziger Jahre, neue Werke zweimal zu spielen, stürzt sich das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin zweimal in Wolpes Sinfonie Nr. 1 (1955/56), ein Stück, das den Hörer mit „beweglicher Polyphonie“ anspringt. Die Partitur reflektiert eher Tätigkeitsdrang als innere Notwendigkeit, bleibt chorisch dicht, auch wo Nebelhörner über den Hudson River schallen. Vertrackte Musik, so dass ein Dirigent vom Rang Johannes Kalitzkes nur als federnder Koordinator funktionieren kann, nicht als Interpret.

Mit der Bewältigung der Aufgabe, wegen der Programmänderung in kürzester Zeit Alternatives aufzutischen, imponiert der RIAS-Kammerchor. A-cappella-Stücke auszugsweise, dirigiert von David Hill, zeigen die Stilvariatonen der Wolpeschen Sprache. Aus der Zeit der Sinfonie stammen eher konventionelle Vertonungen hebräischer Bibeltexte, während plötzlich eine „Chinesische Grabinschrift“ von 1937 verblüfft. Darin scheint Mahler-Nähe auf mit Trommeln, die nicht geheuer sind: „Von einer Handvoll Reis haben wir gelebt. Um eine Handvoll Reis sind wir gestorben.“ Sybill mahlke

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